60 Jahre von-Ketteler-Gilde

Der Anfang im Rückblick und ein Überblick

Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Jubiläumsgesellschaft,
die heutige ‚von-Ketteler-Gilde‘ wurde am 10. Sept. 1949 unter dem Namen ‚Christliche Loge von Ketteler‘ gegründet – zu einer Zeit also, die weitaus verschieden war von der heutigen, in der aber auch bereits unser Grundgesetz formuliert werden und in Kraft treten konnte. Ich möchte Ihnen daher heute, ziemlich genau 60 Jahre nach der Gründung, mit einigen wenigen Fakten und Gedanken die damalige Situation vor Augen führen, aus der heraus es zur Gründung unseres Freundeskreises kam.
In der Zeit unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg war die Befindlichkeit der Menschen in unserem Lande geprägt, um nur einige Stichworte zu nennen, von materieller und geistiger Not, von Hunger und Obdachlosigkeit, von Trauer um verlorene und bange Frage nach vermißten Familienangehörigen.
Zu einer solchen Aufzählung gehört aber auch die Sorge sicherlich vieler, daß in dem vorherrschenden geistigen und politischen Vakuum Bestrebungen erleichtert Platz greifen könnten, die, um zielstrebig auf den Kern dieses Rückblicks zu kommen, aus katholischer Sicht nicht wünschenswert gewesen wären – unter anderem ‚Linkslastigkeit‘ und, über die Besatzungsmächte, die Ideen der Freimaurerlogen. Mit anderen Worten: man hatte, geschult durch bittere Erfahrungen in jener unseligen Zeit neuester deutscher Geschichte – und dem geistigen Vakuum und dem Chaos der Ruinenwelt in den ersten Jahren danach – einzusehen gelernt, daß es um mehr ging als um den Wiederaufbau eines verwüsteten Landes und die Errichtung persönlicher und beruflicher Existenz – nämlich um die geistige und religiös-moralische Erneuerung und Festigung einer orientierungslos gewordenen Gesellschaft nach den Wertmaßstäben des Christentums.
Und man war der Überzeugung, daß es nach dem Terror des ‚Dritten Reiches‘ um einer menschenwürdigen Zukunft willen unabdingbar war, daß sich Kirche, zumal über ihre Mitglieder, auf dem Hintergrund katholischer Soziallehre in Fragen der Gestaltung von Gesellschaft und Politik einmischen muß. Dazu gehörte auch und nicht zuletzt, Menschen mit den Grundlagen und Anforderungen einer demokratischen Gesellschaft vertraut zu machen.
Das erforderte im Bereich unserer Kirche unter anderem den Einsatz von überzeugten Persönlichkeiten, die – außer ihrem guten Willen – auch über angemessene Qualitäten verfügten: seien es geistige Fähigkeiten, berufliche Stellung, gesellschaftlicher Einfluß, materielle Möglichkeiten.
Solches aber konnte nicht die Aufgabe von ‚Einzelkämpfern‘ sein; Gemeinschaft, deren Grundlage das persönliche Vertrauen ihrer Mitglieder zueinander ist, war gefragt. Anders gesagt: Das Ziel konnte nur in der Gemeinschaft – aber als Aufgabe des Einzelnen, der sich ihm aus religiöser Überzeugung verpflichtet wußte – verfolgt werden.
Und so war es denn Leo Benz in München, der eine Reihe solcher Gleichgesinnter um sich sammelte – Männer, die in Zusammenarbeit Hilfe beim Aufbau im weitesten Sinne leisten wollten. Diese sahen sehr bald, daß das, was sie tun wollten – nämlich sich mit dem hohen Anspruch der Kirche zu identifizieren, gemäß Rerum novarum ‚Lebensprinzip der menschlichen Gesellschaft‘ zu sein – der Gesinnung in mittelalterlichen Dombauhütten oder ‚Logen‘ ähnlich war. Deren Mitglieder, die Bauleute, pflegten eine Gesinnung, die ihrem Werk, nämlich die Errichtung des ‚Zeltes Gottes unter den Menschen‘, entsprach. Aus ihr schöpften sie die Kraft zu höchster fachlicher Leistung, und als christliche Bauleute waren sie um den Geist harmonischer Zusammenarbeit bis hin zu brüderlicher Hilfe untereinander bemüht.
Das Modell der Logen, zeitgerecht verstanden und gestaltet, schien nach Geist und Form einen gangbaren Weg in und aus schwerer Zeit zu weisen. So gab es sich, daß die erste Gruppierung den Namen ‚Christliche Loge‘ annahm. Ihre Gründung mit anfänglich 16 Mitgliedern fand bereits 1946 (an Mariae Himmelfahrt) in München statt.
In dem bei dieser Gelegenheit verabschiedeten ‚Gründungs-Statut‘ heißt es im ersten Absatz: „Die Christliche Loge hat zum Ziel, die Ordnung, die sich aus dem Naturrecht ergibt, und die Forderungen, die aus der Heiligen Schrift und der kirchlichen Tradition folgen, in der Wirtschaft und im sozialen Gefüge der Menschheit überhaupt durchzuführen. Diese Grundsätze sind insbesondere in der Enzyklika Leos XIII. ‚Rerum novarum‘ und der Enzyklika Pius XI. ‚Quadragesimo anno‘ niedergelegt.“
Leider haben sich bereits zu einer Zeit noch vor der Gründung die bis dahin beteiligten evangelischen Christen aus dem Vorhaben zurückgezogen, weil ihnen Formulierungen in den geplanten Statuten zu sehr vom Geist eben jener päpstlichen Enzykliken geprägt zu sein schienen.
Daß es so bald nach dem Krieg trotz, oder, wie gleich zu sehen sein wird, wegen der Entscheidungsbefugnis der Besatzungsmächte über die Gründung von Vereinen, Parteien und Medien zu einer solchen Gründung kommen konnte, ist zwei glücklichen ‚Umständen‘ zu verdanken: zum einen war Leo Benz Schweizer und engagiert gewesen im Widerstand und damit ‚unverdächtig‘; zum anderen war eine ‚Loge‘ der Besatzungsmacht, nämlich den Amerikanern in München, natürlich ebenfalls ‚unverdächtig‘. So konnte die Lizenz ohne besondere Schwierigkeiten erteilt werden.
Ortswechsel nach Frankfurt. Hier leitete ab demselben Jahr, nämlich 1946, Pater Ludger Born SJ den Wiederaufbau der Hochschule St. Georgen. Während dieser Zeit konnte Pater Born zu zwei Personen folgenreiche Kontakte knüpfen, nämlich über Pater v. Nell-Breuning SJ zu Herrn v. Engelberg, Vorstandsvorsitzender der Dyckerhoff AG, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie etc. und über Pater Rupert Mayer SJ zu dessen Weggefährten im Widerstand, dem bereits erwähnten Leo Benz. So nimmt es denn letztlich nicht weiter Wunder, daß die Idee einer ‚Christlichen Loge‘ auch nach Frankfurt getragen wurde – eine Idee, die von Herrn v. Engelberg sogleich aufgegriffen und weitergetragen wurde.
Zu einem ersten mit Datum belegten Treffen, das mit dem Ziel der Gründung einer ‚Christlichen Loge‘ in Frankfurt befaßt war, kam es am 5. Nov. 1948. Beteiligt waren die Herren v. Engelberg (Wiesbaden), Geißler (Aschaffenburg), Jacobs, Stenger und Weil (alle Frankfurt) und Pater Born, den man bat, die Leitung zu übernehmen. Und man traf sich nunmehr regelmäßig jeden zweiten und vierten Dienstag eines Monats – was in Frankfurt Tradition bis auf den heutigen Tag geblieben ist mit der kleinen Abänderung ‚letzter Dienstag‘ im Monat. Bei diesen Treffen wurden Referate gehalten zu damals, wie natürlich auch heute noch, ‚brennenden Themen‘: die soziale Lage in Deutschland, soziale Enzykliken, Steuermoral, Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer, Wohnungsbau etc. Daß man aber auch die praktische Seite einer ‚Loge‘ – im mittelalterlichen Sinne – nicht unbeachtet gelassen hatte, möge an nur einem Beispiel aufgezeigt sein: die Initiative zum Bau eines Kindergartens in der Goldstein-Siedlung und dessen fast vollständige Finanzierung.
Noch im selben Jahr, und zwar am 16. Dez. 1948 kam es zu einem direkten Gespräch mit Leo Benz, der sich mit dem Plan trug, seine Lizenz auf die gesamte US-Zone auszudehnen. Daher wurden die Frankfurter Herren einfachheitshalber zunächst Mitglieder der CL in München. Es wurde auch ein finanzieller Beitrag vorgesehen, der, wie es heißt, absichtlich nicht zu niedrig gewählt wurde: 25.- Mark.
Ähnliche Entwicklungen wie in München und Frankfurt gab es noch in Hamburg und Regensburg. So wie solcher örtliche Zusammenschluß die Intensionen des Einzelnen stärke, so sagte man sich, sollte ein Überörtlicher zu darüber hinausgehender Stärkung führen, und so schlossen sich die vier Gruppen bei einem Treffen ihrer Bevollmächtigten vom 8.-10. Juli 1949 auf dem dem Reichsgrafen Walderdorf gehörenden Schloß Hauzenstein nahe Regensburg zum ‚Cartell der Christlichen Logen Deutschlands‘ zusammen (1954 wurde der Name geändert in ‚Cartell Rupert Mayer‘). Die Absichten, die zu dem Treffen geführt haben, sind in den sogenannten ‚Notizen über den I. Konvent der Christlichen Logen Deutschlands‘ und die Ergebnisse in den sogenannten ‚Hauzensteiner Beschlüssen‘ festgehalten. Beide zu lesen ist ob der darin zum Ausdruck kommenden Weitsichtigkeit und Klugheit und des prägend gewesenen und auch gebliebenen Charakters ein Genuß.
Die erste Kapitelsitzung fand am 24. und 25. Nov. 1949 in Regensburg statt.
Die formalrechtliche Gründung der faktisch bestehenden Christlichen Loge in Frankfurt, mit einer Hl. Messe in St. Ignatius und einer Sitzung im ‚Haus der Länder‘ in Königstein, fand am 10. Sept. 1949 statt; die Zahl der Mitglieder betrug bereits mehr als 30!
Damals war es üblich, bei der Namensgebung auf bedeutsame Persönlichkeiten zurückzugreifen, die in der jeweiligen Gegend tätig waren; so gab man sich den Namen ‚C. L. von Ketteler‘. So programmatisch anfänglich die Bezeichnung ‚Loge‘ gemeint war und eigentlich auch heute noch den Kern der Idee widerspiegelt – später wurde sie von vielen als Belastung empfunden, weil sie insbesondere bei Außenstehende Assoziationen mit Geheimbündelei und ähnlichem hervorrief, woran möglicherweise auch die eine oder andere Neuaufnahme gescheitert ist. Daher wurde 1997 der Name geändert in ‚von-Ketteler-Gilde‘.
Von den etlichen zweifelsfrei bedeutsamen Frankfurter ‚Männern der ersten Stunde‘ seien außer den bereits genannten wegen ihrer Hinwendung zu St. Georgen zwei weitere Namen erwähnt: die Herren Hamacher und Schindling. Herr Hamacher war Geschäftsführer der Trümmerverwertungsgesellschaft Frankfurt, in welcher Eigenschaft es ihm möglich war, für den Aufbau der Hochschule St. Georgen bevorzugt Steine zur Verfügung zu stellen. Und: Auf Veranlassung von Herrn Schindling (VDO), der selbst einen namhaften Betrag zum Aufbau von St. Georgen hinzugegeben hatte, wurde der Hochschule von der CL in Frankfurt ein Kreuz gespendet, das symbolisch dargestellt hat Christus als ‚Herr zwischen Himmel und Erde‘. Außerdem war Herr Schindling einflußreicher Förderer der ‚Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft‘, und auf sein Verlangen hin fanden (im schwarzen Anzug !) die Veranstaltungen der CL dort statt und tun es noch heute.
An dieser Stelle ein Wort zu den Veranstaltungen überhaupt. Ihre Zahl für die 60 Jahre des Bestehens beläuft sich auf weit über 1000. Bei etwa einem Viertel von diesen handelt es sich um andere als Vortragsveranstaltungen wie z. B. Reisen, Museumsbesuche, Adventsbesinnungen, Einkehrtage, Gesellschaftsabende usw. Und von den Vortragsveranstaltungen sind etwa ein Viertel aus den eigenen Reihen bestritten worden.
Die Ausstrahlungen der Frankfurter CL bereits in den ersten Jahren in Form von Gründungen anderer Institutionen sollen nur noch stichwortartig dokumentiert werden:
‚Frankfurter Sozialschule‘, eine Arbeitsgemeinschaft der Bistümer Fulda, Limburg und Speyer. Sie wurde 1950 gegründet als Nachfolgerin der ‚Sozialen Arbeitsgemeinschaft der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen‘, und sie existiert noch heute. Einem Tätigkeitsbericht ist zu entnehmen, daß bereits 1955 10 Lehrgänge in Frankfurt, 3 in Heppenheim und 2 in Fulda stattfanden mit insgesamt 375 Teilnehmern.
‚Christliche Gesellschaft für Kultur‘. Sie existierte bis 1970.
‚Kultur- und Theatergemeinde‘, die sogar Einfluß auf den Spielplan nehmen konnte.
‚Bauorden‘. Pater Wehrenfried trat ehedem an die CL in Frankfurt und an die Kapitelsitzung in Kloster Eberbach heran, in Deutschland eine Gruppe zu initiieren. Es kam schließlich zur Gründung der Gemeinnützigen Bauorden GmbH; Geschäftsführer wurde Freund Kröger, dem Aufsichtsrat gehörten die Freunde Grabowski (Buderus Wetzlar) und RA Schmitt, Fulda an.
Außerdem wurden, auch bereits in frühen Jahren, von Frankfurt aus weitere gleichgesinnte Gruppen gegründet, wobei hier nicht unterschieden werden soll, inwieweit eine Gründung dem Engagement eines einzelnen Freundes oder mehrerer zu verdanken ist:
Michael-Gilde in Dortmund 1950;
Club Union in Mannheim/Ludwigshafen 1951;
Club Fulda in Fulda 1952 (1987 aufgelöst);
CL Petrus Canisius in Mainz/Wiesbaden 1952 (von dieser wurde die CL Rhabanus Maurus im Rheingau 1953 gegründet; später wurden beide unter dem Namen letzterer zusammengelegt);
Lambertus-Gilde in Düsseldorf 1953;
Gilde St. Johann in Saarbrücken 1960;
Dahlberg-Kreis in Erfurt 1994 (Ende 2007 aufgelöst).
Wenngleich auch nicht allen diesen auf Frankfurter Initiative hin gegründeten Freundeskreise auf Dauer Bestand beschieden war, so sind damit zunächst doch von Frankfurt aus die meisten Neugründungen eingeleitet worden.
Um diesen Rückblick mit zwei kühnen Bögen bis in die Jetztzeit zu beenden, seien letztlich aufgeführt die Vorsitzenden, nämlich
Pater Born SJ, v. Engelberg, Jacobs, Hamacher, Stenzel, Barz, Vogel, Matschke, Rieger, Ley, Beckermann, Ratjen, Beckermann, der, dem Sie die Ehre gaben, aufmerksam zuzuhören, Blach und schließlich Ganowsky;
und als Geistliche Beiräte die Jesuiten-Patres
Born, Determann, Hirschmann, Schmitz, Kunz und nunmehr Schuster.
Soweit dieser Rückblick. Das Material dafür aus eigenem Vermögen zusammenzutragen, wäre mir kaum möglich gewesen. Glücklicherweise aber konnte ich auf detaillierte Aufzeichnungen von Freund Vogel sen. zurückgreifen, die er mir mündlich durch zahlreiche Kommentare angereichert hat. Ihm sei dafür auch an dieser Stelle sehr herzlich gedankt.

 
Prof. Dr. Horst-Dieter Mennigmann