Armenien – Eindrücke einer Reise

Armenien als Land zahlreicher, aus christlich-archäologischer Sicht interessanter Bauten war das Ziel einer Exkursion, an der ich die Möglichkeit hatte teilzunehmen. Unter der Leitung eines ausgewiesenen Kenners dieser Thematik haben wir im Laufe zweier Wochen eine Vielzahl von Objekten, d.h. Kirchen, besucht. Und gelernt haben wir dabei, daß, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, alle diese Bauten bis zu denen der heutigen Zeit auf ein Grundschema zurückgeführt werden können, nämlich das der auf dem Grundriß eines griechischen Kreuzes gebauten Kreuzkuppelkirche mit gleichlanger Haupt- und Querachse, d.h. wie der Mehrzahl byzantinischer Kirchen auch andernorts. Von diesem Grundschema gibt es zwar eine Vielzahl von typischen Varianten. Aber der Stilwandel im Laufe der Jahrhunderte ist dennoch ungleich geringer ausgefallen als der im Westen. Somit bleibt eine große Ähnlichkeit über die Zeiten, weshalb man hier durchaus von einem nationalen Baustil sprechen kann. Dem hinzuzurechnen sind die der Westseite angefügten großen Vorhallen (Gawit). Ein Studium all dessen war das Hauptziel dieser Exkursion. Bei den damit verbundenen Fahrten kreuz und quer durch das im südlichen Kaukasus in einer Höhe von über 1000 m gelegene Land haben wir zugleich vielfältige Eindrücke von seiner Kargheit, aber dennoch Schönheit sammeln können.

Neben obigen rein baulichen Einzelheiten war sehr auffällig das hohe Ausmaß an Verzierungen der unterschiedlichsten Art, insbesondere der Außenseiten: von einfachen bis zu komplizierten und kunstvollen Tympana und ‚Kreuzsteinen‘ (Chatsch’khar), Tierplastiken, mehrfache Umrahmungen von Fensteröffnungen und Eingangstüren – um nur einiges aufzuzählen. Letztere beinhalten komplizierte Flechtmuster, die, wie die Türbögen in Form von Hufeisen oder ‚Eselsrücken‘ und die mit stalaktitenähnlichen Formen ausgekleideten Gewände der Deckenöffnungen, arabischen Ursprungs sind.

Dieser spezifische Baustil ist ein Teil dessen, was man als armenische Identität begreifen kann; ein weiterer stellt die Religion dar. Die überwiegende Mehrzahl der Armenier sind orthodoxe Christen; sie unterscheiden sich jedoch von den meisten anderen Orthodoxien, haben aber große Ähnlichkeit mit den Kopten in Ägypten und Äthiopien. Die Christianisierung des Landes wird auf die Apostel Bartholomäus und Thaddäus zurückgeführt, wodurch es zu der Bezeichnung ‚Armenisch-apostolische Kirche‘ kam.
Die Vereinheitlichung über das ganze Land geht auf Grigor Lusarovich (Gregor der Erleuchter) zurück, und der damalige König erklärte dann diese Religion zur Staatsreligion (310 oder 316 n. Chr.); somit ist Armenien mit seiner altorientalischen Kirche der erste christliche Staat der Welt und das noch vor der Proklamierung des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich (380 n. Chr.).

Schließlich sei noch eine Auffälligkeit angeführt, auf die man auch als Reisender immer wieder aufmerksam wird – die armenische Schrift als Identitätssymbol des Volkes und seiner Kultur (mit einem eigenen Feiertag am 1. Oktober). Sie wurde in der Zeit 403-406 n. Chr. von dem Mönch Mesrop Maschtots‘ entwickelt, wodurch es dann ‚plötzlich‘ sinnvoll wurde, bedeutsame Texte anderer Völker einschließlich der Bibel ins Armenische zu übersetzen und schriftlich festzuhalten. Beredtes Zeugnis des damals einsetzenden gewaltigen Schubes an Übersetzungstätigkeit und der damit verbundenen Herstellung prächtig illuminierter Handschriften ist ihre in einem atombombensicheren Bunker des ‚Matenadaran‘ (= Bibliothek) untergebrachte Sammlung von ca. 17.000 Bänden (d.i. etwa die Hälfte aller überlieferten).

Der Vollständigkeit halber sei noch auf zwei der armenischen Identität zuzurechnende Aspekte hingewiesen, mit denen man als Reisender aber eher selten in Berührung kommt. Zum einen ist es die Teilung des historischen Siedlungsgebietes und hiermit einhergehend insbesondere, daß der den Armeniern heilige Berg Ararat nicht mehr auf ihrem Staatsgebiet liegt. Die Bedeutung des Ararat für Armenien wird unter anderem daraus ersichtlich, daß er auch heute noch Teil des Staatswappens ist. Und zum anderen ist es der am armenischen Volk verübte und mit großen Verlusten verbundene Genozid. Beider Ereignisse wird in einer Gedenkstätte gedacht – der Teilung durch einen 44 m hohen, pyramidalen und senkrecht gespaltenen Obelisken und des Genozids durch eine umfangreiche, beeindruckende Ausstellung und durch die Ewige Flamme, die von 12 großen gebogenen Pylonen wie von schützenden Fingern umgeben ist.(hdm)