„Denen ist ja auch nichts mehr heilig“

so lautete die pointierte Schlussbemerkung eines Gesprächspartners in der notwendigen, verständlicherweise auch bei uns sehr emotional geführten gesellschaftlichen Debatte über notwendige Konsequenzen auf den erschreckenden Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Die geäußerte Einschätzung war der Versuch einer ersten differenzierenden
(Teil-)Erklärung des angerichteten Blutbads, dieses Massaker sollte damit sicher weder relativiert noch gerechtfertigt werden.

In dem öffentlichen Diskurs muss aber dennoch gezielt gefragt werden: Wo liegen Grenzen der für eine funktionierende Demokratie grundlegenden Presse- und Meinungsfreiheit? Unser Gesetz kennt strafbewährte Verbote der Volksverhetzung (§ 130), der Beleidigung (§ 185) sowie der Beschimpfung von Religionsgemeinschaften (§ 166; wieder einmal heftig diskutiert). Sollte es darüber hinaus nicht doch weitere, von der (mit-)menschlichen Klugheit gebotene Tabus bzw. im Einzelfall zu beachtende Grenzen geben?

In der Diskussion um die Rolle des Islam in unserer Gesellschaft wird bei der unterschiedlichen Betrachtung zum Christentum immer wieder die Notwendigkeit der Aufklärung hervorgehoben. Im Laufe der Jahrhunderte haben die Christen mühsam lernen müssen, dass eine (historisch) kritische Betrachtung der „heiligen Texte“ nicht nur erlaubt, sondern sogar notwendig ist. Sie mussten in Beachtung der grundgesetzlich geschützten positiven wie negativen Religionsfreiheit erfahren, dass andere Meinungen nicht nur toleriert, sondern sogar als für den eigenen Glauben förderlich anerkannt werden können und müssen.

Diese (auch schmerzlichen) Erfahrungen aus dem Umgang mit Kritik fehlt vielen Muslimen mangels durchgehender Aufklärung. Ihre Reaktionen auf von ihnen als beleidigend (sie bzw. den Propheten) empfundenen „Angriffe“ fallen daher fast zwangsläufig heftiger aus; ihnen sind bestimmte Glaubensverkündungen bzw. -inhalte weiterhin ungefragt heilig.

Der Schutz der Meinungs- und Pressefreiheit gilt allen Religionen. Allerdings sollte die unterschiedliche Wirkung ihrer Ausübung z.B. aber nicht nur bei Karikaturen beachtet werden. Neuer Gesetze bedarf es dazu nicht – aber einer differenzierten, klug-sensiblen Achtsamkeit auf die verschiedenen Adressaten und ihre religiösen Gefühle (jwb).

Gefordert ist der kluge, sensible Umgang mit der Presse- und Meinungsfreiheit.