Die katholische Kirche in der Ökumene – Impulse aus dem Ökumenismus-Dekret „Unitatis redintegratio“

Werner Löser SJ

Die katholische Kirche in der Ökumene
Impulse aus dem Ökumenismus-Dekret „Unitatis redintegratio“

Das II. Vatikanische Konzil mit seinen theologischen Konzepten ist in unseren Tagen noch einmal zum Thema eines kontrovers geführten Gesprächs geworden. Die einen distanzieren sich von ihm, weil sie in ihm die Legitimierung einer Selbstüberlassung der katholischen Kirche an die moderne Zeit mit all ihren Relativismen und Pluralismen sehen. Die anderen hegen die Befürchtung, dass die Verantwortlichen in der Kirche sich zu sehr auf die Seite der genannten Konzilskritiker stellen könnten und fordern laut die bleibende Geltung der konziliaren Entscheidung. Dies alles bezieht sich nicht zuletzt auf den Bereich der Ökumene, der ein zentrales Kapitel der konziliaren Bemühungen ausmacht.

Wir gehen hier in zwei Schritten voran. Im ersten geht es um eine Erinnerung an die konziliaren Positionen zur Ökumene. Im zweiten schauen wir auf die aktuelle Situation der Ökumene und fragen, wohin die Impulse, die damals gegeben haben, geführt haben.

I) Erinnerung an das konziliare Dekret „Unitatis redintegratio“

Als am 21. November 1964 im Konzil die Schlussabstimmung über das Ökumenismus-Dekret stattfand, war die Befriedigung über das Ergebnis groß. Nur 11 Konzilsväter konnten sich zu einem „Ja“ nicht entschließen, alle anderen, mehr als 2000 Bischöfe, brachten ihre Zustimmung zum Ausdruck. Wie die meisten anderen Dokumente des Konzils, so hatte auch das Ökumenismus-Dekret eine wechselvolle Vorgeschichte. Bisweilen hatte man daran gedacht, es innerhalb der Kirchenkonstitution unterzubringen. Ein anderer Vorschlag zielte dahin, einen umfassenden Text abzufassen, in dem auch die Beziehungen zum Judentum und zu den anderen Religionen zur Sprache kämen. Schließlich entschied man sich doch, dem Thema Ökumene ein eigenes Dokument zu widmen und sich in ihm auf die innerchristliche Problematik zu beschränken. Mehr und mehr wurde das Einheitssekretariat unter seinem Präsidenten Kardinal Bea maßgeblich für die konkrete Ausgestaltung der Entwürfe und schließlich des Endtextes. Die Veröffentlichung des Ökumenismus-Dekrets vor nunmehr nahezu 45 Jahren wurde als ein bedeutendes Ereignis für die katholische Kirche und die ganze christliche Welt angesehen.

Versuchen wir, die Struktur und den Inhalt des Dekrets in aller Kürze noch einmal in Erinnerung zu rufen. Das Dekret umfasst insgesamt 24 Abschnitte. Der erste und der letzte Abschnitt, die Nr. 1 und die Nr. 24, bilden den Rahmen, das Prooemium und das Finale. Die dazwischen liegenden Abschnitte sind zu drei Kapiteln zusammengefasst. Das erste Kapitel, überschrieben „Die katholischen Prinzipien des Ökumenismus“, reicht von Nr. 2 bis Nr. 4. In diesem Kapitel sind die theologischen Grundlagen des Ökumene-Verständnisses der katholischen Kirche dargelegt.  Dann folgt das zweite Kapitel, indem es um die „praktische Verwirklichung des Ökumenismus“ geht. Es handelt sich um die Nr. 5 bis Nr. 12. Im dritten Kapitel schließlich – „Die vom römischen apostolischen Stuhl getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften“ – kennzeichnet das Konzil zunächst die Kirchen des Ostens (in den Abschnitten 14 bis 18) und dann die Kirchen, die aus der abendländischen Reformation hervorgegangen sind (in den Abschnitten 19 bis 23 ).

Das Prooemium beginnt mit diesem Satz: „Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen, ist eine der Hauptaufgaben des Heiligen Ökumenischen zweiten Vatikanischen Konzils. Denn Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet…“ („Una enim atque unica a Christo Domino condita est Ecclesia…“). In den Formulierungen, die wir hier vor uns haben, scheint mir der Schlüssel für den Zugang zum katholischen Ökumenismusverständnis zu liegen. Von höchster Bedeutung ist der Begriff „Einheit“. Die Einheit der Kirche kommt nicht zur Darstellung, weil es Spaltungen in der Christenheit gibt. Aber sie soll doch konkret erfahrbar sein, weil nur eine geeinte Christenheit das zur Erscheinung bringt, was Christus der Herr beabsichtigt und begründet hat: die eine Kirche. Innerhalb des Begriffs der „einen Kirche“ nimmt das Dekret nun Differenzierung vor. Es unterscheidet zwischen „una“ und „unica“, deutsch: einig und einzig. Die Kennzeichnung „una“, „einig“, betrifft die innere Gefügtheit und Gestaltetheit der Kirche, die andere Kennzeichnung „unica“, „einzig“ stellt die Kirche in die größere Welt der christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Entscheidend für das Ökumenismus-Dekret des letzten Konzils ist nun genau dies, dass in ihm sowohl der Sinn des „una“ als auch der Sinn des „unica“ gegenüber dem jeweils früheren Verständnis verändert und geweitet erscheint.

In der Enzyklika „Satis cognitum“ Leos XIII. von 1896 findet sich ein Satz, in dem programmatisch von der Einheit und der Einzigkeit der Kirche die Rede ist. Er lautet: „Er (Christus), der nur eine einzige Kirche gründete, hat sie auch einig gewollt, und zwar derart, dass alle, die zu ihr gehören sollten, durch die innigsten Bande miteinander vereinigt durchaus nur ein Volk, ein Reich, einen Leib ausmachen.“ Überprüft man nun in der genannten Enzyklika und späteren kirchenoffiziellen Texten, was mit den Begriffen „una“ und „unica“ genauerhin gemeint war, so stellt man fest: „una“, „einig“ bedeutet „Einförmigkeit“, „Uniformität“, „unica“, „einzig“ bedeutet „Ausschließlichkeit“, „Exklusivität“. Die Kirche als uniforme Größe war nach dem damaligen Verständnis und im Rahmen einer, wie man sagen kann, „christomonistisch“ argumentierenden Theologie durch ihre hierarchische, vom Papst als dem sichtbaren Einheitszentrum her strukturierte Gestalt gewährleistet. In „Satis cognitum“ findet sich der Satz: „Da der göttliche Stifter wollte, dass die Kirche eins sei im Glauben, in der Verwaltung und in der Gemeinschaft, so wählte er sich den Petrus und seine  Nachfolger zur Grundlage und zum Mittelpunkt dieser Einheit.“

In der Tat war die katholische Kirche bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts in allen wesentlichen Dimensionen ihrer Struktur und ihres Vollzugs durch eine weitgehende Uniformität gekennzeichnet. Das prägte dann auch die damalige Erfahrung, die die Gläubigen mit ihrer Kirche machten. Dieselbe Kirche erhob den Anspruch, als einzige – in Ausschließlichkeit – die Kirche zu sein, die sich mit Recht auf Christus berufen kann. Über die der katholischen Kirche nicht Zugehörigen wurde folgerichtig ohne Unterscheidung gesprochen. Auch an dieser Stelle soll noch einmal Papst Leo XIII. mit einem Satz aus seiner Enzyklika „Satis cognitum“ zu Wort kommen: „Es gibt nur eine Kirche Christi, und zwar für alle Zeiten. Wer abseits von ihr lebt, erfüllt nicht den Willen und die Vorschrift Christi; da er den Weg des Heiles verlassen hat, geht er dem Verderben entgegen.“ Das Neue des Ökumenismus-Dekrets des Zweiten Vatikanischen Konzils liegt nun vor allem darin, dass in ihm den Begriffen  „una“ und „unica“ eine offenere Bedeutung gegeben wird und dass daraus dann entsprechende Folgerungen abgeleitet werden.

Auch „Unitatis redintegratio“ hält an der Aussage fest, Christus habe seine Kirche als „eine einige und einzige“ gewollt und gegründet. Aber nun bedeutet „einig“ nicht mehr „einförmig“, sondern innerlich vielförmig, Einheit also in Mannigfaltigkeit. Und „einzig“ bedeutet nun nicht mehr „ausschließlich“, „exklusiv“, sondern „einbeziehend“, „inklusiv“, „Einzigkeit in Offenheit“. Letzteres hat zur Folge, dass anderen christlichen Gemeinschaften die Kirchlichkeit nicht nur nicht mehr abgesprochen, sondern nun ausdrücklich zugesprochen wird. In je eigener Weise sind sie der katholischen Kirche zugeordnet und haben sie Anteil an ihr. Freilich verschweigt das Dekret nicht, dass den nichtkatholischen kirchlichen Gemeinschaften Mängel anhaften – „defectus“-. Dabei geht es aber nicht um eine Wertung der Gläubigkeit und Frömmigkeit der einzelnen Glieder dieser kirchlichen Gemeinschaften, sondern um eine Einschätzung der strukturellen und sakramentalen Ausstattung dieser kirchlichen Gemeinschaften selbst. Indem diese „defectus“ behoben werden, entsteht so viel an Gemeinsamkeit, dass dann auch die „communicatio in sacris“, die gottesdienstliche, besonders eucharistische Gemeinschaft vollzogen werden kann. Es ist im Sinne des Ökumenismus-Dekrets des letzten Konzils unabdingbar, dass alle ökumenischen Prozesse zutiefst von einem geistlichen Bemühen getragen sein müssen. Die erneuerte Sicht von „Unitatis redintegratio“ gründet auf einem trinitarischen und eucharistischen Kirchenkonzept, wie der Abschnitt 2 des Dekrets in eindrucksvoller Weise erkennen lässt.

Das Ökumenismus-Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils ruht auf den skizzierten Grundentscheidungen. Man könnte es so umschreiben: Nachdem die katholische Kirche die ökumenische Bewegung, die im Bereich der reformatorischen und der orthodoxen Kirchen aufgekommen war, in den Jahrzehnten vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit äußerstem Mißtrauen, ja mit gänzlicher Ablehnung begleitete, sieht sie sich nun in der Lage, ja durch das Wirken des Heiligen Geistes dahin geführt, die ökumenischen Bewegung nicht nur gutzuheißen, sondern in sie einzutreten. „Unter dem Wehen der Gnade des Heiligen Geistes gibt es heute in vielen Ländern auf Erden Bestrebungen, durch Gebet, Wort und Werk zu jener Fülle der Einheit zu gelangen, die Jesus Christus will. Daher mahnt dieses heilige Konzil alle katholischen Gläubigen, dass sie, die Zeichen der Zeit erkennend, mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilnehmen.“ (UR 4)

Was „ökumenische Bewegung“ konkret bedeutet, wird sodann vorläufig in vier Stichworten umschrieben: Abbau ungerechtfertigter Vorurteile; theologischer Dialog; Zusammenarbeit in allen möglichen Bereichen; gemeinsames Gebet. Das Ziel, das die römisch-katholische Kirche bei allem ökumenischen Bemühen letztlich verfolgt, wird mehrfach als „volle kirchliche Gemeinschaft“, als „plena communio“ bezeichnet. Dieses stellt sich im Sinne des letzten Konzils vor allem in der Gottesdienst-Gemeinschaft dar, wobei insbesondere an den Bereich der Eucharistie gedacht ist (communicatio in sacris). Aber auch schon bevor die „volle kirchliche Gemeinschaft“ erreicht ist, können mannigfache Beziehungen, getragen von wechselseitiger Achtung, zwischen den Christen und zwischen den Kirchen verwirklicht werden. Dass diese Möglichkeiten ausgeschöpft werden, ist wichtig, „so dass dadurch allmählich die Hindernisse, die sich der völligen kirchlichen Gemeinschaft entgegenstellen, überwunden und alle Christen zur selben Eucharistiefeier, zur Einheit der einen und einzigen Kirche versammelt werden, die Christus seiner Kirche von Anfang an geschenkt hat, eine Einheit, die nach unserem Glauben unverlierbar in der katholischen Kirche besteht, und die, wie wir hoffen, immer mehr wachsen wird bis zur Vollendung der Zeiten“ (UR 4).

Damit dieses Ziel erreicht werden kann, sind Bewegungen sowohl in der römisch-katholischen Kirche als auch in den anderen Kirchen und Gemeinschaften unausweichlich. Bei den Kirchen der Orthodoxie und der Reformation geht es, in freilich recht unterschiedlicher Weise, um eine Wiedergewinnung und – belebung der bislang fehlenden oder Mängel aufweisenden Elemente sakramentaler Kirchlichkeit. Bei der römisch-katholischen Kirche sind vielfältige Bekehrungen und Wandlungen notwendig. Sie sollen dazu verhelfen, ihr Bild deutlicher und glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Die „dauernde Reform“, zu der die Kirche gerufen ist, zielt nicht zuletzt dahin, dass soviel an Katholizität und innerer Weite wie nur möglich zum Tragen kommt, damit die bisher getrennten Kirchen ohne Aufgabe ihrer vom Heiligen Geist gewirkten Traditionen in der Gemeinschaft mit der erneuerten römisch-katholischen Kirche ihren Ort finden können. Das Konzil ermuntert zu dem Programm: Einheit im Notwendigen, Freiheit in allem anderen. „Alle in der Kirche sollen unter Wahrung der Einheit im Notwendigen je nach der Aufgabe eines jeden in den verschiedenen Formen des geistlichen Lebens und der äußeren Lebensgestaltung, in der Verschiedenheit der liturgischen Formen sowie der theologischen Ausarbeitung der Offenbarungswahrheit die gebührende Freiheit walten lassen, in allem aber die Liebe üben. Auf diese Weise werden sie die wahre Katholizität und Apostolizität der Kirche immer vollständiger zum Ausdruck bringen. Auf der anderen Seite ist es notwendig, dass die Katholiken die wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe mit Freude anerkennen und hochschätzen, die sich bei den  von uns getrennten Brüdern finden. Es ist billig und heilsam, die Reichtümer Christi und das Wirken der Geisteskräfte im Leben der anderen anzuerkennen, die für Christus Zeugnis geben, manchmal bis zur Hingabe des Lebens: denn Gott ist immer wunderbar und   bewunderungswürdig in seinen Werken. Man darf auch nicht übergehen, dass alles, was von der Gnade des Heiligen Geistes in den Herzen der getrennten Brüder gewirkt wird, auch zu unserer eigenen Auferbauung beitragen kann. Denn was wahrhaft christlich ist, steht niemals im Gegensatz zu den echten Gütern des Glaubens, sondern kann immer dazu helfen, dass das Geheimnis Christi und der Kirche vollkommener erfasst werde.“(UR 4).

Die Kirchen wachsen zur Fülle des Glaubens und der Kirchlichkeit auf je ihre Weise heran. Ermöglicht wird dieser Prozess nicht zuletzt durch den Dialog, der nach dem Willen des Konzils auf de Ebene der Gleichheit (par cum pari) stattfinden soll (UR 9). Das Studium der Theologie soll ökumenisch ausgerichtet sein (UR 10). Alle ökumenischen Bemühungen sollen vom Gebet füreinander und um die Einheit der Kirche getragen und begleitet sein (UR 8).

Das Ökumenismus-Dekret bietet, so dürfte sich gezeigt haben,  eine konkrete, in sorgfältig dogmatisch-theologischer Argumentation begründete Standortbestimmung der katholischen Kirche inmitten der weltweiten ökumenischen Bewegung und skizziert einige wenige, aber wesentliche Linien ihres künftigen ökumenischen Engagements. „Unitatis redintegratio“ hat sich bis heute als Basistext für alles ökumenische Bemühen der katholischen Kirche bewährt und bedurfte an keiner Stelle einer Revision. Das bedeutet nicht, dass dieses Dekret nur Zustimmung erfahren hätte. Schon in den konziliaren Diskussionen und dann auch in den ersten Stellungnahmen haben sich Auffassungen zu Gehör gebraucht, die das konziliare Konzept nicht einfachhin billigten. Einige dieser Stimmen sollen in Erinnerung gerufen werden. In ihrer Weise können sie zum Verständnis des Dekrets beitragen. Während der Erzbischof Ritter von St. Louis meinte, mit der Verabschiedung des Ökumenismus-Dekrets werde „der Gegenreformation mit ihrer unglücklichen Polemik ein Ende gesetzt“, befürchtete der Kardinal von Sevilla, das Schema fördere den Indifferentismus. Er führte aus: „Der Ökumenismus an sich ist zu loben, aber man muss mit großer Vorsicht und Klugheit vorgehen, damit die Gläubigen nicht in die Gefahr des Indifferentismus geraten, der alle christlichen Bekenntnisse auf die gleiche Ebene stellt. Diese Gefahr vermeidet das Schema nicht nur nicht, sondern verschärft sie, weil es den verschiedenen Bekenntnisses Ausdrücke von mehr als höflichem Klang widmet und behauptet, dass auch außerhalb der Kirche die Heiligen Geistes wirke und man glaube, Hoffnung und Liebe, also die echtesten christlichen Tugenden auch bei den Getrennten finden könne.“

Während dem Kardinal von Sevilla die Position des Konzils zu weit geht, geht sie einer Reihe prominenter evangelischer Theologen nicht weit genug. Edmund Schlink sah damals in dem Ökumenismus-Dekret erste Schritte in die richtige Richtung gewiesen, bemängelte aber, dass das Ökumenismus-Verständnis des Dekrets ein spezifisch römisch-katholisches bleibe, das von den anderen so nicht angenommen werden könne. Für ihn ergab sich nach der Untersuchung der Texte, „dass der Ökumenismus des konziliaren Dekretes ein spezifisch römischer Ökumenismus ist. Er ist der Versuch einer eigentümlichen Synthese zwischen dem kirchenrechtlich exklusiven Begriff, wie er in der Selbstbezeichnung des Generalsynoden der römischen Kirche als ökumenische Konzilien vorliegt, und dem weiteren Begriff, wie er heute in der ökumenischen Bewegung als Bezeichnung für die Einigungsbestrebungen und die wachsende Gemeinschaft getrennter Kirchen verwendet wird…. Angesichts dieses Tatbestandes kann es nicht überraschen, dass die konziliare Behandlung des ökumenischen Problems in manchen nichtrömischen Kirchen nicht nur freudiges Hoffen, sondern auch Sorgen ausgelöst hat. Alle Kirchen sehnen sich heute nach Gemeinschaft. Aber die Sorge ist bei vielen nicht geschwunden, dass ein römischer Ökumenismus letztlich doch nur Unterwerfung,  nicht aber Gemeinschaft anstreben könne. Sind nicht nur die Methoden und die ersten Ziele dieses Ökumenismus wahrhaft ökumenisch? Sind aber demgegenüber nicht das Endziel und die wichtigsten Voraussetzungen einstweilen noch  spezifisch römisch?“ In ähnlicher Weise hat damals Lukas Vischer seine Bedenken formuliert. So sehr er die große Öffnung, die das Ökumenismus-Dekret ermöglichen sollte, begrüßte, sah er sich aber doch auch zu folgenden Sätzen veranlasst: „Die römisch-katholische Kirche versteht die ökumenische Aufgabe in erster Linie als Öffnung ihrer eigenen Grenzen. Sie trachtet nicht so sehr danach, eine Gemeinschaft mit anderen Kirchen zu bilden. Sie hat die unwillkürliche Neigung, sich als die Mitte der ökumenischen Bemühungen zu betrachten. Sie öffnet sich für die anderen Kirchen; sie stellt sich aber nicht neben sie. Sie tritt ihnen gegenüber, und sie hat Mühe, sich als ein Glied in eine Gemeinschaft mit ihnen einzufügen. Sie ist darum in der Lage, nach allen Seiten hin Kontakte herzustellen. Sie sieht sich aber vorläufig noch außerstande, in eine Gemeinschaft wie den Ökumenischen Rat einzutreten.“

Solche Stimmen lassen erkennen, dass das Ökumenismus-Dekret ein durchaus deutliches Profil im Sinne der katholischen Kirche und ihrer Theologie hat. Nur so ist es auch zu erklären, dass die angedeuteten Abgrenzungen von ihm so deutlich ausgefallen sind.

Fassen wir das Ökumenekonzept von „Unitatis redintegratio“ noch einmal zusammen. Ich tue es durch die Zitation eines kurzen Textes, den Kardinal Kasper in Rocca di Papa am 11. November 2004 in seinem Vortrag über „Das Dekret über den Ökumenismus – nach 40 Jahren neu gelesen“ trefflich und gültig formuliert hat: „… die anzustrebende ökumenische Einheit bedeutet mehr als ein Netzwerk von Konfessionskirchen, die einander gegenseitig anerkennen, indem sie Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft aufnehmen. Das katholische Verständnis der Ökumene setzt die in der katholischen Kirche bereits gegebene Einheit und die ebenfalls bereits gegebene teilweise »communio« mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften voraus, um von dieser unvollständigen Gemeinschaft zur vollen Gemeinschaft zu gelangen (UUS 14), welche Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Leitung einschließt (LG 14; UR 2 f.). Die Einheit im Sinn der vollen »communio« meint nicht Uniformität, sondern Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit. Es kann innerhalb der einen Kirche eine legitime Vielfalt der Mentalitäten, der Gebräuche, der Riten, der kanonischen Ordnungen, der Theologien und der Spiritualitäten geben (LG 13; UR 4; 16 f.). Wir können auch sagen: Das Wesen der als »communio« verstandenen Einheit ist Katholizität in ihrer nicht konfessionellen, sondern ursprünglichen qualitativen Bedeutung; sie meint die Verwirklichung aller Gaben, welche die Orts- und Konfessionskirchen beitragen können.“

II) Blick auf die Gegenwart

Ein knappes halbes Jahrhundert ist vergangen, seitdem das II. Vatikanum die Weichen in eine neue ökumenische Situation hinein zu stellen unternommen hat. Seitdem ist ökumenisch vieles, sehr vieles geschehen. Die Beziehungen zu den Kirchen des Ostens haben vom „Dialog der Liebe“ zum „Dialog der Wahrheit“ geführt. Er verläuft nicht leicht; gleichwohl sind wichtige Schritte gesetzt worden. Die Kirchen, die miteinander den Kreis der abendländischen Kirchen ausmachen, also die römisch-katholische Kirche einerseits und die vielen aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen Kirchen andererseits, haben ihr Neben- und Miteinander neu ausgerichtet. Auf der Ebene der Gemeinden sind gemeinsame Aktivitäten an der Tagesordnung. Auf der Ebene der Kirchenleitungen pflegt man die Begegnungen und tariert man die Möglichkeiten konkreter Beziehungen sorgfältig aus. Auf der Ebene der theologischen Reflexion sucht man zu entdecken, was man gemeinsam sagen kann und wie man die bleibenden Differenzen formulieren kann.

Es gibt inzwischen vieles, was man gemeinsam tun könnte und oft auch schon tut. Und es bedarf der Pflege. Es gibt das gemeinsame Zeugnis für das Evangelium. Es gibt den gemeinsamen Dienst an den Menschen, zumal an den Bedürftigen. Es gibt die gemeinsame Wahrnehmung politischer Verantwortung. Wir haben im Bistum Limburg seitens des Sachausschusses Ökumene im Jahre 1996 einmal einen „Ökumenischen Wegweiser“ für die Gemeinden im Bistum erarbeitet. Da werden fast alle Handlungsfelder, auf denen man sich zusammentun könnte, stichwortartig beschrieben. Es ist viel mehr als man gewöhnlich vermutet. Im Bereich solchen gemeinsamen Tuns ist das Tragen, ja Ertragen des Verschiedenen  noch nicht allzu sehr gefordert. Das ist da anders, wo sich die Verschiedenheiten zwischen den Kirchen melden. Und das gibt es gegenwärtig wieder in nicht geringem Maße. Ich will versuchen, dies zu beschreiben und auch zu erklären.

Da das Feld der Ökumene unübersehbar weit ist und von niemandem ganz wahrgenommen werden kann, möchte ich sogleich drei Eingrenzungen vornehmen. Die erste Eingrenzung: wir konzentrieren uns auf unser Land, also Deutschland. Was es andernorts, ja weltweit gibt, lassen wir jetzt auf sich beruhen. Die zweite Eingrenzung: wir konzentrieren uns auf das katholisch-evangelische Miteinander. Was über das katholisch-anglikanische oder über das evangelisch-orthodoxe Verhältnis und so weiter zu sagen wäre, bleibt unberücksichtigt. Die dritte Eingrenzung: wir konzentrieren uns auf die von theologischer Reflexion begleitete offizielle Ökumene der verfassten Kirchen. Das bedeutet, dass die Ebene der persönlichen Erfahrungen, Bewegungen, Erwartungen kaum zur Sprache kommt. Mir ist bewusst, dass diese Eingrenzung einen hohen Preis hat: manch einer wird sagen, das, was er da zu hören bekomme, wirke seltsam lebensfern, abgehoben. Ich habe schon oft erlebt, dass sogar Christen, die am Leben der Kirchen aktiv teilnehmen und ihr Leben aus Gottes Wort formen und aus Gottes Gaben nähren, ein Verständnis für die Sachverhalte, um die es gleich geht, kaum aufzubringen willens sind. Und doch möchte ich Sie bitten, den Weg, auf den ich Sie mitnehmen möchte, mitzugehen. Umgekehrt bleibt dies unbestreitbar: Die Theologen und die kirchenleitenden Personen und Institutionen dürfen nicht vergessen und haben zu tolerieren, dass der Christ an der Basis an anderen Stellen Sorgen und Nöte hat als sie. Sie haben darauf zu achten und es in ihre Erörterungen aufzunehmen.

1) Entwicklungen in der deutschen Ökumene-Szene

Wie stellen sich die ökumenischen Beziehungen zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche in unserem Land gegenwärtig dar? Sie tragen einige neue Züge, und ihnen wollen wir uns nun zuwenden. Dabei wird sich zeigen, dass das Neue, das es zu verstehen und auszuwerten gilt, viel mehr auf der protestantischen Seite angesiedelt ist als auf der katholischen.

Die katholische Kirche und ihre Theologie lässt nur wenige Bewegungen erkennen, die ökumenisch von Bedeutung sind. Spezifisch deutsche Entwicklungen sind erst recht kaum namhaft zu machen. Was es für unsere Breiten zu vermelden gibt, ist in der Regel Auswirkung von universalkirchlichen Gegebenheiten. In den letzten Jahren wurden mehrfach die ökumenischen Optionen des II. Vatikanischen Konzils bekräftigt. Sie lassen sich vorwiegend aus dem Dokument „Unitatis redintegratio“ erheben. Nicht ohne dass es auch Unruhe ausgelöst hätte, hat die katholische Kirche zweimal die dort gesetzten Akzente bestätigt, einmal in der Erklärung „Dominus Jesus“ (2001), sodann in dem Dokument „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ (2007). Konkret ging es immer wieder um die rechte Deutung des Wortes „subsistit“, das sich in der Kirchenkonstitution des II. Vatikanischen Konzils (Nr. 8) findet und durch das die katholische Kirche sich in der Welt der Kirchen situiert. Eine in Rom lebende Theologin, Alexandra von Teuffenbach, hatte vor wenigen Jahren in einem Buch die These vertreten, dieses „subsistit“ meine in Wahrheit nichts anderes als ein „est“, durch welches eine volle Identifikation der Kirche Jesu Christi mit der römisch-katholischen Kirche ausgesagt werde. Vor allem Kardinal Lehmann hat demgegenüber in einem großen Vortrag vor der Deutschen Bischofskonferenz nachgewiesen, dass das „subsistit“ den Sinn hatte, einerseits die römisch-katholische Kirche als die Kirche Jesu Christi zu identifizieren und andererseits die wahre Kirchlichkeit der anderen christlichen Gemeinschaften nicht zu leugnen. (Zum Selbstverständnis des Katholischen – Zur theologischen Rede von Kirche. Eröffnungs-Referat von Karl Kardinal Lehmann bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 24. September 2007 in Fulda).

Kurz: die römisch-katholische Kirche hat in den letzten Jahren in ökumenischer Hinsicht bedeutende neue, über die konziliaren Entscheidungen hinausweisenden Schritte kaum vollzogen.

Auf der evangelischen Seite ist das sehr anders. Dort sind starke Bewegungen im Gang, die wir Katholiken gewöhnlich kaum wahrnehmen, zumal da es nicht leicht ist, sie in ihrer Tragweite zu verstehen. Was es in der evangelischen Kirche im lokalen und regionalen Bereich an Veränderungen gibt, braucht uns jetzt nicht zu interessieren. Um so mehr wollen wir uns dem zuwenden, was auf der Ebene der Landeskirchen und der Evangelischen Kirche in Deutschland im Gange ist, und das ist viel.

Was es nun zu verstehen gilt, kann vorweg in knapper Form so umschrieben werden: bisher stand der katholischen Kirche in Deutschland, die sich als ein strukturiertes Ganzes und eine intern vergleichsweise homogene Größe darstellte, eine durch eine starke Vielfalt bestimmte evangelische Welt gegenüber.  Diese evangelische Welt ist seit einigen Jahren dabei, sich zwar nicht ohne Mühe, aber doch Schritt für Schritt und wohl erkennbar ein einheitlicheres Gesicht zu geben. Dies geschieht auf der Ebene der Strukturen, es geschieht aber auch auf der Ebene des theologischen Selbstverständnisses. Es formiert sich eine deutsche protestantische Kirche. In dem Maße, als dieser Prozess vorankommt,  ergibt es sich, dass dem schon alten katholischen Block ein neuer evangelischer Block gegenübersteht.  Das macht das ökumenische Miteinander einerseits leichter, andererseits schwerer. Leichter: die Partner können sich klarer identifizieren. Schwerer: die Fronten zeigen sich schärfer. Die einander immerzu und unausweichlicherweise begegnenden Kirchen haben ihr Mit- und Gegeneinander zu tragen und zu gestalten. Hier ist dann die Haltung der Toleranz ganz neu gefordert. Ist Ökumene durch Toleranz zu meistern? Ja, nur durch sie – im angedeuteten Sinn.      Ich möchte im folgenden versuchen, die angedeuteten Bewegungen auf der evangelischen Seite noch stärker zu verdeutlichen, zunächst auf der strukturellen, sodann auf der konzeptionellen Ebene.

a) Auf dem Weg zur Evangelischen Kirche in Deutschland als einer „Gemeinschaft“ der Kirchen.

Bis vor wenigen Jahren definierte sich die EKD als „Bund“ evangelischer Kirchen, die entweder lutherischen oder reformierten oder unierten Bekenntnisses waren.  Inzwischen bezeichnet sich die EKD als „Gemeinschaft“. Das ist ein starker theologischer Begriff, im Singular verwendet. Dies ist der erste Sachverhalt, den es jetzt zu verstehen gilt: der deutsche Protestantismus stärkt Zug um Zug seine strukturelle Konsistenz. Dieser Prozess der Kirchewerdung der EKD geht nicht leicht vonstatten. Das ergibt sich daraus, dass die Hälfte der evangelischen Landeskirchen lutherische Bekenntniskirchen sind und sich in der VELKD zusammengeschlossen haben. Diese VELKD möchte im Prozess der Vereinheitlichung der EKD nicht Schaden leiden und an Bedeutung verlieren. Sie trägt also die angedeuteten Bewegungen nur mit inneren Vorbehalten mit und ist besorgt, dass die sich bildende EKD „aus einem Guss“ ihr eigenes, ihr kostbares Eigengepräge einebnen könnte. Die andere Hälfte des deutschen Protestantismus hat sich demgegenüber das Engagement für eine volle Kirchewerdung der EKD auf die Fahnen geschrieben. Sie hat sich auf dem Hintergrund einer langen, nicht einfachen Vorgeschichte, konkret: aus dem  Mit- und Nebeneinander mehrerer unierter und einiger reformierter Landeskirchen, im Jahre 2003 zur sog. „Union evangelischer Kirchen“, zusammengefunden und möchte sich nun so schnell als möglich selbst überflüssig machen – dadurch, dass sie nur noch in der Weise und unter dem Dach der schließlich selbst zur Kirche gewordenen EKD weiterlebt. Die UEK, zu der auch die  Kirchen unserer Region gehören – die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und die Evangelische Kirche im Rheinland -, versteht sich als „Modell und Motor einer weitergehenden Einheit der Evangelischen Kirche in Deutschland“. Sosehr also die beiden Hälften des deutschen Protestantismus, die VELKD und die UEK,  unterschiedlichen Zielvorstellungen folgen, – gleichwohl ist eine Bewegung auszumachen:  die EKD folgt deutlich stärker dem Konzept der UEK als dem der VELKD und kann sich daraufhin inzwischen, wie schon gesagt, selbst als „Gemeinschaft“, das heisst: als Kirche (im Singular) bezeichnen. Und durch die Zusammenlegung der zentralen Verwaltungen in Hannover einerseits und durch eine im vergangenen Jahr vertraglich vereinbarte ständige Zusammenarbeit kommt das schon zum Tragen, was die einen nachdrücklich, die anderen nicht ohne Zögern ins Auge gefasst haben: die eine Evangelische Kirche in Deutschland, die dann auch nicht mehr so sehr wie bisher ins Vielfältige aufgespalten, sondern weitgehend innerlich geeint der katholischen Kirche gegenübertreten kann.

b) Auf dem Weg zur Evangelischen Kirche in Deutschland als der „Kirche der Freiheit“

Mit den strukturellen Bewegungen, die auf eine stärker in sich geeinte Kirche zulaufen, geht das Bemühen einher, diese Kirche perspektivisch auf ihren Weg ins 21. Jahrhundert auch konzeptionell neu auszurichten. Dabei fällt auf, dass sie sich dazu entschieden hat, sich programmatisch als „Kirche der Freiheit“ zu bezeichnen. In vielen Texten aus der jüngsten Zeit findet man dazu die in eindrucksvoller Entschiedenheit entfalteten Belege. Wenn die evangelische Kirche so vorangeht, kann sie daran anknüpfen, dass schon Martin Luther in seinem Traktat „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) die biblische Rechtfertigungslehre im Zeichen der in Jesus Christus uns Menschen geschenkten Freiheit zu deuten vermocht hat. Aber dann tritt in den derzeitigen Reflexionen der Vertreter der evangelischen Kirche noch etwas hinzu: es wird darauf verwiesen, dass die Freiheit auch das Zentralmotiv der aufgeklärten Moderne ist. Als die EKD vor nicht langer Zeit ein umfangreiches „Impulspapier“  mit „Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ veröffentlichte, wählte sie als Überschrift „Kirche der Freiheit“. In dieser Schrift finden sich beispielsweise diese Sätze: „In der Reformationszeit vollzog sich eine positive Zuwendung zum Glauben des Einzelnen. Die im Evangelium versprochene und Wirklichkeit gewordene Rechtfertigung befreite von allen falschen Abhängigkeiten in der Welt und ermutigte zur Verantwortung für den Nächsten im Alltag des eigenen Lebens. Die Reformationen führte… auch zu einer grundsätzlichen Würdigung der modernen Lebenswelt. Eine aufgeklärte, den Diskurs mit den Wissenschaften auf Augenhöhe suchende Form evangelischer Theologie wurde zum Kennzeichen des Protestantismus. Dieses Erbe einer aufgeklärten Frömmigkeit gilt es auch für die Zukunft zu sichern.“ (S. 44). Dass sich die evangelische Kirche auf ihrem Weg in die Zukunft mehr und mehr als die Kirche der Freiheit kenntlich zu machen habe, ist ein zentrales Anliegen nicht zuletzt des derzeitigen Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Wolfgang Huber. Als er vor wenigen Tagen, am 2. September, in einem Interview aus Anlass des Erscheinens seines neuen Buches „Der christliche Glaube – Eine evangelische Orientierung“ gefragt wurde, was das spezifisch „Evangelische“ bei seinen Überlegungen sei, antwortete er: „Das starke Betonen der Freiheit eines Christenmenschen. Freiheit ist ja das große Thema des 21. Jahrhunderts. Nach dem Jahrhundert der Diktaturen sind wir in das Jahrhundert der Freiheit eingetreten, nach dem Jahrhundert der Weltkriege sind wir in das Jahrhundert der Verantwortung für Frieden und Zukunft eingetreten. Die evangelische Gestalt des christlichen Glaubens, die Freiheit und Verantwortung ins Zentrum rückt, die die Mündigkeit des Christen so wichtig nimmt, die hat in dieses Jahrhundert hinein wichtiges zu sagen.“ Zum Konzept der Kirche der Freiheit gehört auch die Betonung des allgemeinen Priestertums aller Christen, aus der die Skepsis gegenüber jedwedem sakramentalen Denken in Bezug auf die Kirche stammt. Im schon erwähnten Impulspapier der EKD kann man lesen: „Evangelisches Kirchenverständnis weiß um die Grenzen einer Verkirchlichung des Glaubens; es bezieht sich ausdrücklich auch auf die Dimensionen eines öffentlichen und eines individualisierten Christentums. Das Protestantische ist nicht so leicht zu orten und zu erforschen wie eine sakrale Institution, die über Hierarchie, eigenes Rechtssystem und rituellliturgische Praxis klar identifizierbar ist… Nicht ein hierarchisch organisierter und von den anderen Christen unterschiedener Klerus verwaltet die Kirche, sondern alle Christen können an deren Gestaltung mitwirken.“ (S. 34 f).  In solchen programmatischen Formulierungen geschieht unbezweifelbar eine deutliche Abgrenzung von der römisch-katholischen Kirche, die ihre bischöfliche Verfasstheit aufgrund ihres sakramentalen Selbstverständnisses für konstitutiv hält und halten muss. In unseren Tagen hat Friedrich Wilhelm Graf, der Münchener Systematiker in der evangelischen Universitätsfakultät, in seinem kirchenkundlichen Buch „Der Protestantismus“ (München: Beck 2007) dasselbe so formuliert: „Protestantismus ist…ursprünglich ein Rechtsterminus, der in komplizierten Überlieferungsprozessen zu einem christentums-historischen und konfessionskundlichen Oberbegriff für alle Formen des Christentums avancierte, die sich auf die reformatorischen Protestbewegungen des 16. Jahrhunderts zurückführen und sich als dritte Sozial- und Glaubensgestalt des Christlichen neben den orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche verstehen. Das Protestantische wurde dabei immer assoziiert mit der niemals abgeschlossenen Erneuerung der Religion durch den Rekurs auf ihre normativen Grundlagen, im Fall des Christentums auf die Bibel, mit der Vertiefung des religiösen Lebensernstes durch Verinnerlichung, Vergeistigung, Individualisierung, mit der Unmittelbarkeit des einzelnen Frommen zu Gott, mit der Ablehnung von Herrschaftsansprüchen der Kleriker, mit der Aufwertung des innerweltlichen Berufs und aktiver Weltgestaltung“ (S.115).

Halten wir fest: konzeptionell gesehen ist die EKD dabei, sich für den Weg ins 21. Jahrhundert dadurch zu rüsten, dass sie sich als Kirche der Freiheit erkennbar macht. Das Profil des heutigen Protestantismus entfaltet sich aus einer inneren Synthese der theologischen Motive, die sich in der Bibel und in den Texten der Reformatoren finden, einerseits und der eher philosophischen Motive, die in der Kultur der Neuzeit bedeutend waren und sind.

Was sich bezüglich der äußeren Strukturierung und der inneren Profilierung gezeigt hat, kennzeichnet die Bewegungen und Wandlungen der Evangelischen Kirche in Deutschland, die wir gegenwärtig wahrnehmen. Darin liegt das Neue, der wir aufzuspüren unternehmen wollten.

2) Ökumene heute

Was ich über die Bewegungen in der katholischen und in der evangelischen Kirche in Deutschland zu sagen versucht habe, findet seine Entsprechung in der ausdrücklichen Ökumenedebatte. In beiden Kirchen, sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen, hat – im deutschen, weniger im nordeuropäischen, ja sogar weltweiten Rahmen – eine Bewegung von einer, wie man formuliert, konsensorientierten zu einer profilorientierten Ökumeneausrichtung stattgefunden. Das heisst: viele Jahre hindurch betonte man das Gemeinsame und beschrieb die Konsense. Dies war die Zeit, in der das katholisch-evangelische Gespräch vorwiegend zwischen katholischen und lutherischen Theologen geführt wurde. Letztere brachten in den Gesprächen immer wieder die Theologie zur Sprache, die sich an der Confessio augustana orientierte. Diese war bekanntlich von Melanchthon im Jahre 1530 in einer die Nähe zur katholischen Theologie suchenden und oft findenden Weise dargelegt worden. Seit dem Beginn dieses Jahrtausends, also seit etwa zehn Jahren,  treffen in den ökumenischen Gesprächen eher die katholische auf der einen Seite und eine weniger lutherische als vielmehr unierte, also aus einer Integration lutherischer und reformierter Traditionen hervorgewachsenen Theologie auf der anderen Seite aufeinander. Das impliziert sogleich, dass jetzt beide Seiten deutlicher die Differenzen betonen,  und sie beharren auf ihrem jeweils eigenen Profil. Dies bedeutet nicht, die profilorientierten Standpunkte seien ganz neu. Nur ihre neue und starke Herausstellung ist neu. Die konsensbetonenden  Konzepte sind nicht aus der Debatte verschwunden, aber sie haben es heute eher schwer, aufgegriffen zu werden. In diesem Sinn hat eine Verschiebung in der ökumenischen Gemengelage stattgefunden. Die profilökumenischen Leitmotive  haben eine lange Vorgeschichte, an die angeknüpft werden kann: auf der einen Seite sind es die Erfahrungen mit der Leuenberger Kirchengemeinschaft, wenn man nicht noch weiter zurückgehen will, letztlich bis zum 7., aus dem Corpus der 28 herausisolierten Artikel des Augsburgischen Bekenntnisses; auf der anderen Seite liegen die theologischen Grundlagen im II. Vatikanischen Konzil. Zur Erinnerung sei gesagt: dieser 7. Artikel beschreibt das Minimum dessen, was, aus evangelischer Sicht, die christliche Kirche ausmacht. Es ist die rechte Verkündigung des  Evangeliums und die evangeliumsgemäße Darreichung der Sakramente. Die profilinteressierten Motive  sind im übrigen  sprachlich genauer zu benennen als die konsensorientierten. Es versteht sich von selbst, dass dieser Wandel im Ökumeneverständnis für die Beziehungen zwischen den Kirchen von unmittelbarer Bedeutung waren und sind. Das profilorientierte evangelische Konzept läuft unter dem Leitbegriff „Kirchengemeinschaft“, das katholische spricht von der „sichtbaren und vollen Einheit“. Was mit dem katholischen Konzept der „sichtbaren und vollen Einheit bzw. Gemeinschaft“ gemeint ist, haben wir schon gesehen, als wir an „Unitatis redintegratio“ erinnert haben. Das diesem Ökumene-Konzept gegenüberstehende evangelische, ebenfalls profilorientierte Leitbild kommt in dem Votum des Rates der EKD „Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis“ (II/1) zur Sprache: „Das evangelische Verständnis von Kirchengemeinschaft besagt, dass selbständige Gemeinden und Einzelkirchen einander Gemeinschaft an Wort und Sakrament gewähren und sich – gemessen an den >Kennzeichen< der Kirche – gegenseitig als >wahre Kirche< anerkennen. Das bedeutet, sie erklären öffentlich die Gemeinschaft, in der sie kraft ihrer Zugehörigkeit zum Leib Christi stehen. Sie ordnen diese Gemeinschaft gemeinsam und praktizieren sie umfassend.“ In welchem Maße die beiden Ökumene-Leitbilder – Kirchengemeinschaft und sichtbare Gemeinschaft – einander gegenüberstehen, kommt ebenfalls in dem Votum des Rates der EKD zur Sprache (II/3):  „Offensichtlich ist die römisch-katholische Vorstellung von der sichtbaren, vollen Einheit der Kirchen mit dem hier entwickelten nicht kompatibel.“ Beide Kernbegriffe, der der „vollen Communio“ bzw. der „sichtbaren Einheit“ und der der „Kirchengemeinschaft“, gehören in den Bereich der Optionen, die man seit einiger Zeit und in zunehmendem Maße „Ökumene der Profile“ nennt.  So ist es nicht überraschend, dass beispielsweise der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Huber, in seiner Ansprache bei der Begegnung mit Papst Benedikt XVI. am 19. August 2005 in Köln diese Formel aufnahm:  „Vieles spricht … dafür, die derzeitige ökumenische Situation als eine Phase der >Ökumene der Profile< zu kennzeichnen. Nach dem gemeinsamen ökumenischen Aufbruch in den letzten Jahrzehnten folgt nun eine Zeit der Konsolidierung und Überprüfung des Erreichten. Nach der Entdeckung vieler theologischer Gemeinsamkeiten und der Überwindung früherer gegenseitiger Verurteilungen stellt sich heute die Frage, wie sich die je eigenen Überzeugungen und Grundsätze der Kirchen im Laufe des ökumenischen Prozesses geklärt und etabliert haben. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass es in manchen Themenfeldern deutliche Unterschiede und gegensätzliche Auffassungen gibt. Aber wie in jeder intensiven Begegnung gehört diese doppelte Wahrnehmung der erreichten Nähe und der bleibenden Unterschiedlichkeit zusammen; die Wahrhaftigkeit gebietet, beide Seiten in den Blick zu nehmen.“

Die „Ökumene der Profile“ wird also heute der „Konsensökumene“ gegenübergestellt.  Dass diese beiden Ansätze des ökumenischen Einsatzes so deutlich voneinander abgehoben werden, ist ein relativ junges Phänomen.

Das Einander-Gegenüberstehen der Kirchen und dann auch ihrer Ökumenekonzepte, das wir heute wahrnehmen, ist übrigens auch dadurch gekennzeichnet, dass in ihm eine Sicht der Dinge wieder auflebt, die es schon einmal vor zweihundert Jahren gegeben hat: bei Friedrich Schleiermacher, der ja auch der erste große Theologe war, der den innerprotestantischen Unionsgedanken, der jetzt in der EKD zu neuer Aktualität gekommen ist, formuliert hat. Bisweilen wird er heute als der Kirchenvater der evangelischen Welt für das 21. Jahrhundert bezeichnet. Friedrich Schleiermacher hat eine berühmt gewordene Formel geprägt: „Sofern die Reformation nicht nur Reinigung und Rückkehr von eingeschlichenen Missbrüchen war, sondern eine eigentümliche Gestaltung der christlichen Gemeinschaft aus ihr hervorgegangen ist, kann man den Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholizismus vorläufig so fassen, dass ersterer das Verhältnis des Einzelnen zur Kirche abhängig macht von seinem Verhältnis zu Christo, der letztere aber umgekehrt das Verhältnis des Einzelnen zu Christo abhängig macht von seinem Verhältnis zur Kirche“ (Der christliche Glaube, Bd. I, § 24, S. 137).

Was hier angedeutet wird, lässt recht gut erkennen, was das meint: Ökumene der Profile. Wenn die evangelische Welt beansprucht, Kirche der Freiheit zu sein, dann bietet sie sich auch als Alternative  zur katholischen an, die, ausdrücklich oder unausdrücklich, als Kirche verstanden wird, die den Ruf zur christlichen und modernen Freiheit in Wahrheit nicht auf ihre Fahnen geschrieben hat und wohl ehrlicherweise aufgrund ihrer besonderen Lehrgrundlagen und Gestaltungsformen auch nicht wird schreiben dürfen. Dies alles betrifft vorwiegend die deutsche Ökumeneszene. Würden wir in andere Länder und Kontinente gehen, würde sich alles noch einmal anders darstellen.

Es bleibt unentbehrlich, dass wir als Christen in den beiden Kirchen weiterhin alles tun, was uns eint. Und wenn wir es tun, machen wir gute Erfahrungen und werden wir dem Auftrag Christi gerecht, der will, dass die Christen vor der Welt mit einem gemeinsamen Zeugnis auftreten. Aber es trifft heute gleichzeitig und in neuer Weise zu, dass sich die Unterschiede zwischen den Kirchen schärfer und schmerzlicher zeigen. Besonders spürbar sind die Grenzen da, wo es eigentlich um die Begründung und Erfahrung der christlichen Gemeinschaft geht: in der Eucharistie. Das ist eine schmerzende Wunde im Leib der Christenheit, dass wir am Tisch des Herrn nicht oder nur unter sehr begrenzten Bedingungen beieinander sein können.

„Unitatis redintegratio“ wollte ein starker Impuls für einen Ökumene-Einsatz der katholischen Kirche sein. Im Weltmaßstab hat sich inzwischen auch vieles zum Guten gewendet. Dabei sei nicht nur an das verbesserte Verhältnis zu den orthodoxen und orientalischen Kirchen gedacht. Der Lutherische Weltbund und unsere katholische Kirche sind weiter im Gespräch. Vor kurzem wurde ein großes Dokument zur „Apostolizität der Kirche“ veröffentlicht, das aus diesem Dialog hervorgegangen ist. Es gibt freilich auch Sachverhalte, die uns nachdenklich machen. In Kürze, am 31. Oktober, jährt sich zum 10. Mal die Unterzeichnung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“. Mit diesem Ereignis verbanden sich damals große Erwartungen. In Wahrheit ist es um dieses Dokument sehr ruhig geblieben. Dass dies so ist, hat mit den tatsächlichen Entwicklungen zu tun, die soeben dargestellt wurden und die nur am Rande mit dem zu tun haben, was mit der „Gemeinsamen Erklärung“ angezielt gewesen war.

Doch haben wir heute vorwiegend auf die derzeitige ökumenische Situation  in unserem Land geschaut und mussten feststellen, dass sie nicht ganz einfach ist, jedenfalls wenn es um das Ringen der verfassten Kirchen miteinander geht. Es ist auch nicht zu erwarten, dass hier eine Änderung durch Mehrheitsentscheidungen und andere in der Welt der Politik und der Wirtschaft eingespielte Verfahren herbeigeführt werden könnte. Eine Einigung der Kirchen lässt sich nicht nach dem Modell einer Fusion zweier Banken oder zweiter Automobilkonzerne vorstellen, wie wir sie bisweilen erleben. Eine gut begründete, auch vor der theologischen Vernunft Bestand habende Einigung zwischen den beiden Kirchen lässt sich, so befürchtete ich, nicht herbeiführen, wenn man dabei bleibt, die Positionen miteinander ins Spiel zu bringen, die im wesentlichen im 16. Jahrhundert oder auch in der Neuzeit ausgeprägt wurden. Sollte ich andeuten, welchen besseren, das heisst nicht: leichteren Weg ich statt dessen vorschlagen könnte, so würde ich wohl sagen: beide Kirchen müssten sich auf je ihre Weise und von ihren unterschiedlichen Ausgangspunkten aus noch einmal ganz neu ihrer bleibenden Herkünftigkeit aus Gottes erwähltem Volk Israel vergewissern und daraus entschlossen die entsprechenden Folgerungen ziehen. Die Kirche Jesu Christi ist ja, wie Paulus formuliert hat, ein Zweig auf dem Ölbaum Israel. Die Ökumenebemühungen müssten sich an den seit langem und durchaus fruchtbar laufenden Israel-Kirche-Dialog anschließen und aus ihm neue, regenerierende Kräfte saugen. Hinter solch einem Vorschlag steht die Auffassung, dass die Spaltungen der Kirche, zumal die Spaltung der abendländischen Kirche im 16. Jahrhundert,  eine Spätfolge der auf die Frühzeit der Kirche zurückgehenden Entwicklungen ist, die in einer Distanzierung der Kirche von ihren Wurzeln in Gottes Volk Israel bestehen. Die Kirche Jesu Christi hätte ja auch als das neue Volk Gottes aus Juden und Heiden ihren Weg durch die Geschichte gehen können. Aber eben dies ist nicht wirklich geschehen. Und die Spaltungen in der Kirche sind dann auch, freilich nicht ausschließlich, das Offenbarwerden der Probleme, die sich aus dieser Emanzipation von der jüdischen Herkunft ergeben haben.

Kurz: Eine Heilung der Wunden, die die Spaltungen in der abendländischen Christenheit bedeuten, ist ein anspruchsvoller Vorgang, der noch ganz andere Bemühungen erforderlich macht, als wir sie gewöhnlich im Sinn haben und auch betreiben. Und dass dies alles schließlich nur gelingt, wenn es auch erbetet wird und als Gabe des Gottes, der sein Volk als eines und einiges gewollt und gewirkt hat, entgegengenommen wird, sei am Ende nicht vergessen oder verschwiegen worden.