Die Kirche – Gottes Volk

Werner Löser SJ

Die Kirche – Gottes Volk

Gottes Volk – das ist Israel. Dürfen wir sagen, auch die Kirche sei Gottes Volk? Manchmal tut man dies zu leichtfertig. Man wird es nur tun dürfen, wenn man die Kirche so versteht, dass sie, wie Paulus sagt, als ein Zweig auf dem Ölbaum Israel erscheint. In diesem Sinn hat das II. Vatikanum im Kapitel II der Dogmatischen Konstitution „Lumen gentium“ von der Kirche als Gottes Volk gehandelt. Das Kapitel II umfasst die Abschnitte 9 bis 17. Ich lese den Abschnitt 9, der für unser Thema grundlegend ist, vor. Danach vertiefe ich den Kerngedanken dieses Abschnitts in einer eigenen theologischen Erwägung. Darauf folgt eine kurze Information über die den Abschnitt 9 entfaltenden und ergänzenden Abschnitte 10 bis 17. Schließlich lenke ich die Aufmerksamkeit auf das Kapitel I von „Lumen gentium“. Dort wird die katholische Kirchenlehre grundlegend im Sinn der Frage, was es mit dem Attribut der Sakramentalität auf sich habe, erörtert. Von dem, was sich dort zeigt, empfängt die konziliare Volk-Gottes-Theologie ihre spezifische Färbung. Ich beginne also mit der Lesung von Abschnitt:

9. Zu aller Zeit und in jedem Volk ruht Gottes Wohlgefallen auf jedem, der ihn fürchtet und gerecht handelt (vgl. Apg. 10,35). Gott hat es aber gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll. So hat er sich das Volk Israel zum Eigenvolk erwählt und hat mit ihm einen Bund geschlossen und es Stufe für Stufe unterwiesen. Dies tat er, indem er sich und seinen Heilsratschluß in dessen Geschichte offenbarte und sich dieses Volk heiligte. Dies alles aber wurde zur Vorbereitung und zum Vorausbild jenes neuen und vollkommenen Bundes, der in Christus geschlossen, und der volleren Offenbarung, die durch das Wort Gottes selbst in seiner Fleischwerdung übermittelt werden sollte. „Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da schließe ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen neuen Bund … Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres geben, und ihrem Herzen will ich es einschreiben, und ich werde ihnen Gott sein, und sie werden mir zum Volke sein … Alle nämlich werden mich kennen, vom Kleinsten bis zum Größten, spricht der Herr“ (Jer 31,31-34). Diesen neuen Bund hat Christus gestiftet, das Neue Testament nämlich in seinem Blute (vgl. 1 Kor 11,25). So hat er sich aus Juden und Heiden ein Volk berufen, das nicht dem Fleische nach, sondern im Geiste zur Einheit zusammenwachsen und das neue Gottesvolk bilden sollte. Die an Christus glauben, werden nämlich, durch das Wort des lebendigen Gottes (vgl. 1 Petr 1,23) wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nicht aus dem Fleische, sondern aus dem Wasser und dem Heiligen Geist (vgl. Joh 3,5-6), schließlich gemacht zu „einem auserwählten Geschlecht, einem königlichen Priestertum …, einem heiligen Stamm, einem Volk der Erwerbung … Die einst ein Nicht-Volk waren, sind jetzt Gottes Volk“ (1 Petr 2,9-10). Dieses messianische Volk hat zum Haupte Christus, „der hingegeben worden ist wegen unserer Sünden und auferstanden ist um unserer Rechtfertigung willen“ (Röm 4,25) und jetzt voll Herrlichkeit im Himmel herrscht, da er den Namen über allen Namen erlangt hat. Seinem Stande eignet die Würde und die Freiheit der Kinder Gottes, in deren Herzen der Heilige Geist wie in einem Tempel wohnt. Sein Gesetz ist das neue Gebot (vgl. Joh 13,34), zu lieben, wie Christus uns geliebt hat. Seine Bestimmung endlich ist das Reich Gottes, das von Gott selbst auf Erden grundgelegt wurde, das sich weiter entfalten muß, bis es am Ende der Zeiten von ihm auch vollendet werde, wenn Christus, unser Leben (vgl. Kol 3,4), erscheinen wird und „die Schöpfung selbst von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes befreit wird“ (Röm 8,21). So ist denn dieses messianische Volk, obwohl es tatsächlich nicht alle Menschen umfaßt und gar oft als kleine Herde erscheint, für das ganze Menschengeschlecht die unzerstörbare Keimzelle der Einheit, der Hoffnung und des Heils. Von Christus als Gemeinschaft des Lebens, der Liebe und der Wahrheit gestiftet, wird es von ihm auch als Werkzeug der Erlösung angenommen und als Licht der Welt und Salz der Erde (vgl. Mt 5,13-16) in alle Welt gesandt. Wie aber schon das Israel dem Fleische nach auf seiner Wüstenwanderung Kirche Gottes genannt wird (2 Esr 13,1; vgl. Num 20,4; Dtn 23,1ff), so wird auch das neue Israel, das auf der Suche nach der kommenden und bleibenden Stadt (vgl. Hebr 13,14) in der gegenwärtigen Weltzeit einherzieht, Kirche Christi genannt (vgl. Mt 16,18). Er selbst hat sie ja mit seinem Blut erworben (vgl. Apg 20,28), mit seinem Geiste erfüllt und mit geeigneten Mitteln sichtbarer und gesellschaftlicher Einheit ausgerüstet. Gott hat die Versammlung derer, die zu Christus als dem Urheber des Heils und dem Ursprung der Einheit und des Friedens glaubend aufschauen, als seine Kirche zusammengerufen und gestiftet, damit sie allen und jedem das sichtbare Sakrament dieser heilbringenden Einheit sei. Bestimmt zur Verbreitung über alle Länder, tritt sie in die menschliche Geschichte ein und übersteigt doch zugleich Zeiten und Grenzen der Völker. Auf ihrem Weg durch Prüfungen und Trübsal wird die Kirche durch die Kraft der ihr vom Herrn verheißenen Gnade Gottes gestärkt, damit sie in der Schwachheit des Fleisches nicht abfalle von der vollkommenen Treue, sondern die würdige Braut ihres Herrn verbleibe und unter der Wirksamkeit des Heiligen Geistes nicht aufhöre, sich selbst zu erneuern, bis sie durch das Kreuz zum Lichte gelangt, das keinen Untergang kennt.

I) Gottes messianisches Volk –  Zweig auf dem Ölbaum Israel

In einer eigenen Besinnung lege ich nun dar, wie Israel auf die Kirche verweist und die Kirche von Israel abhängig bleibt. Der Sinn dieser Besinnung ist es, den Kerngedanken von LG 9 ganz deutlich werden zu lassen.

a) Das Volk Gottes und die Völker

Inmitten der Völker begannen Abraham und das große Volk, das aus ihm hervorgehen sollte, ihren Weg durch die Geschichte. Abraham war von Gott dazu gerufen worden (Gen 12, 1-4). Das Volk, das in Abraham aufbrach, sollte groß werden und zahlreich wie die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meeresstrand (Gen 22, 15 ff). Aber nicht nur die Nachkommenschaft Abrahams sollte so gesegnet sein, sondern alle Geschlechter der Erde sollten durch ihn Segen erlangen (Gen 12, 4). „Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde…“ (Gen 22, 18). Israel – erwählt zu Gottes Volk auf der einen Seite, sowie die Völker – bestimmt zur Teilhabe am Segen Israels auf der anderen Seite. Dieses spannungsreiche Miteinander kennzeichnet nach Gottes Willen und von Anfang an die Geschichte Gottes mit seiner Welt. In der abstrakten Sprache der Fachtheologie spricht man hier gewöhnlich vom Miteinander von Heilspartikularismus und Heilsuniversalismus. Deutliche Zeugnisse solchen Glaubens und Hoffens finden sich in den Psalmen und dann auch bei den Propheten, insbesondere beim Propheten Jesaja. Er spricht über das Miteinander des Volkes Gottes und der Völker zum einen im Bild der Völkerwallfahrt und zum anderen mit dem Begriff der Stellvertretung. Das Bild von der Völkerwallfahrt findet sich beispielsweise in Jes 2, 1-5: „Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, über Juda und Jerusalem schaute. In der Folge der Tage wird es geschehen: Da wird der Berg des Hauses Jahwes festgegründet stehen an der Spitze der Berge und erhaben sein über die Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Dorthin pilgern viele Nationen und sprechen: >Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berge Jahwes, zum Hause des Gottes Jakobs! Denn von Zion wird ausgehen das Gesetz und das Wort Jahwes von Jerusalem.<“ Vom leidenden Gottesknecht, der sein Leben hingibt für die Vielen, ist in Jes 53 die Rede. Der leidende Gottesknecht ist nach verbreiteter Auffassung das Volk Israel. (Jes 41, 8 f.; 44,1.21; 49,3.5)

b) Jesus von Nazareth – Gottes und Davids Sohn

Aus diesem Volk, das sich als Gottes eigenes Volk zugunsten aller Völker bekannte, ging Jesus von Nazareth hervor bzw. in dieses Volk wurde Jesus gesandt. Im Zentrum des Wirkens Jesu – in Wort und Tat – stand die Ankündigung der Gottesherrschaft in Israel: „Die Gottesherrschaft ist nahegekommen“. In seinen Wundern und in seinen Gleichnissen trat Jesus mit seiner Botschaft auf das Volk zu, dem er selbst angehörte. Die auffallende Tatsache, dass Jesus die Gottesherrschaft als nahe bevorstehend bezeichnen konnte, hatte ihren Grund darin, dass das Kommen der Gottesherrschaft mit seinem Wirken gegeben war. Indem er in Wort und Tat wirkte und seinen Weg im Gehorsam dem Willen Gottes gegenüber ging, kam die Gottesherrschaft. Wenn die Gottesherrschaft kommt, bricht die letzte Zeit an. Dies ist ein endzeitliches Ereignis. Nun gehört zu den Ereignissen am Ende auch die Wallfahrt der Völker zum Zion, das Hinzutreten der Heiden zu den Juden, damit sie durch die Juden und mit ihnen Anteil an den Gaben Gottes hätten. Wenn das Kommen der Gottesherrschaft im Auftreten und Wirken Jesu der Anbruch der letzten Zeit ist, so ereignete sich eben darin auch die Öffnung Israels für die Völker. So wie in Jesu Gleichnissen und Wundern, in seinen Worten und in seinen Taten die Gottesherrschaft schon anfänglich gegenwärtig wurde, so deutete sich die Öffnung Israels für die Völker ebenfalls schon in Zeichen und Ereignissen und in Worten an. Hier zeigt sich, dass sich in Jesu Wirken das Miteinander von Heilspartikularismus und Heilsuniversalismus fortsetzt, auch wenn es zutreffend ist und bleibt, dass Jesu Sendung sich unmittelbar auf Israel bezog. Gottesherrschaft und Völkerwallfahrt gehören zusammen. „Viele werden kommen von Osten und Westen und mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen in der Gottesherrschaft“, sagte Jesus (Mt 8,11 f par.)

Als sich das damalige Israel in seinen Führern der Botschaft Jesu von der Nähe der Gottesherrschaft verschloss und Jesus als den Verkünder dieser Botschaft verwarf, ließ Jesus sein Leiden und Sterben – „für viele“ – Israel zu Gute kommen und verschaffte ihm nun leidend und sterbend den Zugang zu der Gottesherrschaft, an der auch die Völker Anteil haben.  Der gekreuzigte Messias Jesus und das Volk, das er sterbend zu seinem messianischen Volk aufrichtete: hier findet alle Geschichte ihre Wende. In Jesu Kreuz ist angesichts der gegebenen Situation zweierlei begründet: zum einen für das sich Jesus verweigernde Israel, dass es seinerseits nicht der Verwerfung preisgegeben wurde, sondern in Gottes ungekündigtem Bund weiterlebt; zum anderen, dass nun die Juden, die sich Jesus und seiner Botschaft öffneten, zusammen mit den bekehrten Heiden die Kirche Gottes bilden. Doch war all dies noch verborgen, bevor es im Ereignis der Auferweckung des gekreuzigten Jesus offenbar wurde. Dem auferweckten und zur Rechten Gottes erhöhten Herrn ist aufgrund seines Todes am Kreuz, das eine zunächst Israel, dann aber auch den Völkern zugute kommende sühnende Kraft hatte, die Kirche aus Juden und Heiden zugeordnet. Nicht mehr über die Zugehörigkeit zu einer jüdischen Familie, sondern durch den Glauben an das Evangelium und durch die Taufe gewinnen beide, der Jude und der Heide, Zugang zur Kirche. Die Mission des Paulus und der Urkirche unter den Heiden ist die Einleitung der Völkerwallfahrt, deren Sinn es ist, die Heiden mit den sich für Jesu Wort und Werk offenen Juden zusammenzufügen, damit sie gemeinsam Gottes Gaben entgegennähmen und Gottes Willen erfüllten.

Paulus und seine Gefährten und Schüler und schließlich andere setzten durch ihr missionarisches Wirken unter den Heiden die von Israel erwartete und durch Jesus und sein Kreuz geschichtlich möglich gewordene Völkerwallfahrt in Gang. So bildete sich die Kirche aus Juden und Heiden. So wie nach den Propheten die Heiden an den Gaben Gottes dadurch Anteil bekommen sollten, dass sie sich Israel anschlössen, das sie in ihrer Völkerwallfahrt auf den Berg Zion aufsuchten, so kann es die Kirche aus Juden und Heiden nur so geben, dass sie auf den „Ölbaum Israel“, der in eigener Weise in den Judenchristen „da“ ist, aufgepfropft wird, wie Paulus es im 11. Kapitel des Römerbriefes ausführt.

c) Die Kirche und das jüdische Volk

Trifft diese im Rahmen christlicher Theologie mögliche Sicht der Geschichte Gottes mit seinem Volk zu, so ist dies folgenreich – sowohl für die Bestimmung des Verhältnisses der christlichen Kirche zum jüdischen Volk als auch für die Wahrnehmung der inneren Verfasstheit der Kirche. Für die Beziehung der Christen zum bis heute und in Zukunft fortbestehenden jüdischen Volk lautet die entscheidende theologische Einsicht: Auch wenn Israel als Volk Jesus und sein Evangelium nicht angenommen hat, hat Gott seinen Bund mit Israel nicht gekündigt. Paulus sagt es im 11. Kapitel des Römerbriefes ganz deutlich. In den Versen 1 und 2 heißt es: „Ich frage: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs… Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat.“ Und in den Versen 28 und 29 sagt Paulus: „…von ihrer Erwählung her gesehen, sind sie von Gott geliebt, und das um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt.“ Das aber heißt: Die Kirche hat Israel nicht abgelöst, ist nicht an seine Stelle getreten. Sie ist und bleibt auf ihrem Weg durch die Geschichte vielmehr in dramatischer Weise mit Israel verbunden. Das Fortbestehen des Gottesbundes mit Israel hat sowohl in Gottes Treue als auch – gegen allen Anschein, jedoch, wie wir gesehen haben, im Lichte des christlichen Glaubens erfassbar – auch  im Kreuzestod Jesu „für viele/alle“ seinen Grund.

d) Die Kirche aus Juden und Heiden

Für die Wahrnehmung der wesentlichen inneren Konstitution der christlichen Kirche ist  es von großer Bedeutung, dass man sie als Kirche aus Juden und Heiden begreift. Die Berufung und die Sendung der Kirche, ihre Geschichte und ihre Gestalt können nicht verstanden werden, wenn mit dieser bleibenden Verwiesenheit auf das in den Judenchristen in ihr anwesende Israel nicht gerechnet wird. Nimmt  man sie jedoch in Betracht, öffnet sich vieles einer neuen Verständlichkeit. Welche Sinndimensionen sich so öffnen, zeigt sich in einer Äußerung von  Johannes Paul II.: „In der Tat kann man das Mysterium Christi gar nicht vollends zum Ausdruck bringen, wenn man nicht auf das Alte Testament zurückgreift… Spricht man Christus seine Verbindung mit dem Alten Testament ab, dann bedeutet das, ihn von seinen Wurzeln zu trennen und sein Mysterium allen Sinnes zu entleeren… Der Christ muß wissen, dass er durch seine Zugehörigkeit zu Christus ein >Nachkomme Abrahams< geworden ist (Gal 3, 29) und dass er in den edlen Ölbaum eingepfropft wurde (vgl. Röm 11, 24.27), das heißt: Er wurde in das Volk Israel eingegliedert, um so >Anteil zu erhalten an der Kraft seiner Wurzel< (Röm 11, 17). Wenn der Christ diese feste Überzeugung besitzt, dann wird er nicht mehr akzeptieren, dass die Juden, insofern sie Juden sind, geringgeschätzt oder, noch schlimmer, schlecht behandelt werden.“ (Ansprache vor der Vollversammlung der Päpstlichen Bibelkommission am 11.April 1997).

Alle diese Überlegungen über Israel, das Volk Gottes, und über die Kirche aus Juden und Heiden und über Jesus von Nazareth, in dem diese beiden Größen innerlich verzahnt sind, haben den Sinn zu zeigen, dass es bezüglich der Beziehungen zwischen dem Christentum und dem Judentum christlicherseits eine gut begründete Alternative zu dem traditionellen Substitutionskonzept gibt. Sie betont bei allem Neuen des „neuen Weges“ doch nachdrücklich die nicht einfache, darum – wie Norbert Lohfink gern sagt – „dramatische“ Zusammengehörigkeit zwischen Judentum und Christentum. Wird dies als Grundlage der wechselseitigen Beziehungen erkannt und anerkannt, so ist das Ziel der „Reinigung des Herzens“ auf Seiten der Christen schon näher gerückt. Und dies kann dann langfristig nicht ohne Konsequenzen für die Gestaltung des vielfachen Miteinanders von Judentum und Christentum bleiben.

Augustinus hat die Zusammengehörigkeit Israels und der Kirche, wie sie hier geschildert wurde, in einem schönen und klaren Text, der eine Auslegung des Psalms 126 enthält,  so dargelegt:

Salomo hatte dem Herrn einen Tempel gebaut, als Vorausbild der künftigen Kirche und des mystischen Leibes des Herrn; darum sagt Jesus im Evangelium: >Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.< (Joh 2, 19). Weil also Salomo diesen Tempel gebaut hat, so baute der wahre Salomo, unser Herr Jesus Christus, der wirkliche ´Mann des Friedens´, sich selbst einen Tempel; denn der Name Salomo bedeutet ´Mann des Friedens´. Der wahre Mann des Friedens aber ist der, von dem der Apostel Paulus sagt: >Er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riß durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder.< (Eph 2, 14). Er ist der wirkliche Mann des Friedens, der die zwei Wände, die aus verschiedenen Richtungen stammen, in sich verband. Als Schlussstein vereinte er sie (Eph 2,20) : das Volk der Gläubigen aus der Beschneidung und das Volk der Gläubigen aus den Heidenvölkern. Aus den zwei Völkern machte er die eine Kirche. Er wurde ihnen der Schlussstein und darum der wirkliche ´Mann des Friedens´.

Er ist also der wahre Salomo. Jener Salomo aber, der König von Israel, war, als er den Tempel baute, das Vorbild des wahren Mannes des Friedens. Damit du nicht meinst, jener Salomo sei der eigentliche Erbauer des Tempels für Gott, weist die Schrift dich auf den anderen Salomo hin und sagt am Anfang des Psalms: >Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut.< (Ps 126, 1). Der Herr baut also das Haus. Viele mühen sich am Bau; aber wenn er nicht baut, >müht sich jeder umsonst, der daran baut.< (ebd.).

Wer sind diese, die sich am Bau mühen? Alle, die in der Kirche das Wort Gottes verkünden, die Diener der Geheimnisse Gottes.  Alle laufen, alle arbeiten wir, und alle bauen wir noch immer; auch vor uns liefen, arbeiteten und bauten sie; aber >wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut.< (ebd.).“

II) Die Theologie des Volkes Gottes in ihrer Entfaltung

Im Sinne einer kurzen Information lege ich im folgenden dar, in welchen Richtungen sich der Abschnitt 9 von „Lumen gentium“ auslegt. Dies geschieht in den Abschnitten 10 bis 17. Diese Abschnitte lassen sich noch einmal in zwei Gruppen gliedern. Die erste, die die Abschnitte 10 bis 12 umfasst, könnte überschrieben werden: Grundvollzüge des Volkes Gottes und seiner Glieder.  Die zweite, die mit Abschnitt 13 beginnt und bis zum Abschnitt 17 reicht, gilt der Frage, wer auf welche Weise dem Volke Gottes zugehört.

Jean Calvin hatte in seiner Christologie von den drei Ämter Christi gesprochen: vom Prophe-tenamt, vom Priesteramt, vom Königsamt. Diese tria-munera-Lehre ist von der katholischen Theologie übernommen und ekklesiologisch ausgewertet worden. Dies ist im II. Vatikanum sehr nachdrücklich geschehen. Der Kirche als ganzer sind die drei Aufgaben der Wort-Gottes-Verkündigung, der Opferdarbringung und der Leitung und Begleitung der Menschen, zumal de Christen anvertraut. Wer in der Kirche als Bischof, als  Priester, als Diakon ein Amt übernimmt, hat es im Sinne der tria-munera-Lehre zu vollziehen. In den Abschnitten 10 bis 12 geht es um die Weise, wie Gottes Volk im ganzen an den drei Ämtern Christi teilhat. An Christi Priestertum hat es durch das Darbringen der geistigen Opfer des Lobpreises und des Zeugnisses vor der Welt und durch die Feier der Sakramente teil – Abschnitt 11. Gemäß den vielfältigen Gaben, die ihnen durch Gottes Geist gegeben sind, haben die Christen kraft ihrer Taufe und ihrer Firmung am Dienst der Verkündigung des Evangeliums  Anteil – Abschnitt 12. In diesen Abschnitten kommt zur Sprache, was man eine kommunitäre Spiritualität nennen könnte. Was sich darin andeutet, gehört zu den Specifica des Katholischen. Was immer der katholische Christ geistlich tut, er hat ein deutliches oder anfängliches Bewusstsein davon, dass er damit an dem teilhat, was dem Volke Gottes gemeinsam gehört. Und er freut sich, wenn er sein Glaubenszeugnis gemeinsam mit anderen, am besten vielen anderen ablegen kann. Er weißt, dass das, was er als Christ tut, nicht ihm als Einzelnem gehört, sondern dass er vom Gemeinsamen lebt und dass er dieses Gemeinsame seinerseits belebt.

Die dann folgenden Abschnitte in „Lumen gentium“ gelten der Frage, wer denn zu Gottes messianischem Volk gehört. Der erste Abschnitt – Nr. 13 – enthält eine Erörterung des Attributs der Katholizität. Diese Katholizität bedeutet zum einen, dass Gottes Volk grundsätzlich in allen Völkern beheimatet ist und dass alle Menschen berufen sind, sich ihm einzufügen. Diejenigen, die dem Volke Gottes voll eingegliedert sind, sind die Katholiken. „Jene werden der Gemeinschaft der Kirche voll eingegliedert, die, im Besitz des Geistes Christi, ihre ganze Ordnung und alle in ihr eingerichteten Heilsmittel annehmen und in ihrem sichtbaren Verband mit Christus, der sie durch den Papst und die Bischöfe leitet, verbunden sind, und dies durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der kirchlichen Leitung und Gemeinschaft.“ (Nr 14). Christen anderer Konfession – Christen aus den Kirchen des Ostens und Christen aus den reformatorischen Kirchen – sind den Katholiken auf vielerlei Weise, wenn auch nicht in allem verbunden. (Nr. 15). Von den je eigenen Formen der Hinordnung der Juden, der Muslime und der Anhänge anderer Religionen, ja aller Menschen guten Willens zu Gottes messianischem Volk handelt der Abschnitt 16. Das Kapitel II findet schließlich seine Abrundung in einer Erinnerung an den Missionsauftrag, den Jesus seiner Kirche auf ihren Weg mitgegeben hat. (Nr. 17).

Lässt man auf sich wirken, was das II. Vatikanische Konzil zur Theologie des messianischen Volkes Gottes zusammengetragen hat, so erkennt man rasch, es sich bei aller Offenheit nach allen Seiten doch um ein in jeder Hinsicht römisch-katholisches Konzept handelt. Dieses Konzept ist im Volk-Gottes-Kapitel im wesentlichen vorausgesetzt. Die Voraussetzungen aber sind im vorausliegenden, ganz grundlegenden Kapitel I der Kirchenkonstitution benannt und begründet worden. So ist es sachlich geboten, dass nun auch das Kapitel I von „Lumen gentium“ noch zur Sprache kommt.

III) Die sakramentale Erschließung der Kirche – Fundament der Volk-Gottes-Theologie

Die Volk-Gottes-Theologie des II. Kapitels von „Lumen gentium“ ruht auf den Aussagen auf, die im I. Kapitel gemacht werden. Sie empfängt von daher eine eigene Begründung, aber auch Färbung. So mag es richtig sein, nun auch noch an das theologische Kernkonzept zur Kirche, wie das II. Vatikanum es im Sinn hatte, zu erinnern.

Das Kapitel I der Dogmatischen Konstitution „Lumen gentium“ des II. Vatikanums bringt den Grundgedanken der katholischen Ekklesiologie in besonders gültiger und gelungener Weise zum Vorschein. Dieser Text ist der erste konziliar abgestimmte Text in der katholischen Kirche, in dem es zentral um sie selbst geht. Das I. Vatikanum hatte schon einmal einen Versuch in derselben Richtung unternommen. Aber weil das Konzil frühzeitig abgebrochen werden mußte, war es nicht mehr zur Besprechung und Verabschiedung des Dokumentes über die Kirche gekommen. Nur der Abschnitt über die Kompetenzen des Römischen Bischofs konnte noch verabschiedet werden. In den dann folgenden Jahrzehnten gab es vor allem zwei Enzykliken zur Ekklesiologie: „Satis cognitum“ aus dem Jahre 1896 und „Mystici corporis“ aus dem Jahre 1943. Doch erst das II. Vatikanum nahm sich des Themas „Kirche“ in bislang unbekannter Ausdrücklichkeit an. Die Dogmatische Konstitution „Lumen gentium“ bildet das wichtigste Ergebnis dieser Beratungen. Die meisten anderen im II. Vatikanum erarbeiteten Dokumente lassen sich zwanglos der Konstitution „Lumen gentium“ zuordnen. Wir können festhalten: dass die Kirche so ausdrücklich in dogmatischer Besinnung, die auch in lehramtlichen Dokumenten Ihren Niederschlag findet, über sich selbst nachdenkt, ist ein vergleichsweise junges Phänomen. Offenbar war es notwendig geworden, dass sich die Kirche ihrer selbst ausdrücklich vergewisserte. In früheren Zeiten war dies wohl in ähnlicher Weise nicht dringlich. Man konnte sich auf die geistliche Meditation über die Kirche anhand biblischer Texte, unter ihnen vor allem des Canticum canticorum, und auf die rechtliche Organisation ihrer Strukturen und Aktivitäten beschränken.

Wir wenden uns dem I. Kapitel der Dogmatischen Konstitution „Lumen gentium“  zu. In ihm wird die alles andere grundlegende Mitte des katholischen Kirchenverständnisses zur Sprache gebracht; ja, man kann sogar sagen: hier geht es in gedrängter Form um das Ganze des Christlichen, wie die katholische Kirche es versteht und vollzieht. Das I. Kapitel weist in seinen 8 Abschnitten einen klar durchdachten Aufbau auf.  Ich zeichne ihn in Kürze nach und mache anschließend zu den einzelnen Abschnitten einige Anmerkungen.

a) Der Aufbau des I. Kapitels

Der Abschnitt 1 kann überschrieben werden: Einleitung oder Ouvertüre. In einer Ouvertüre wird ein Leitmotiv alles Folgenden erstmals angeschlagen. Dieses Motiv heißt: Kirche als Sakrament oder, wie es in der Überschrift heißt und was dasselbe meint, als Mysterium. Was dies genauerhin bedeutet, wird in den folgenden 7 Abschnitten entfaltet.

Die Abschnitte 2 bis 5 gehören zusammen. In ihnen wird die Frage nach der Bedeutung der Aussage, die Kirche sei ein Mysterium, dadurch beantwortet, dass über ihren Ursprung, über ihre Herkunft gesprochen wird. Die Kirche ist eine menschliche Gemeinschaft, aber sie unterscheidet sich von jeder anderen menschlichen Gemeinschaft  dadurch, dass sie ihren Grund nicht in der Anlage oder in den Anliegen von uns Menschen hat – was auf jede sonstige menschliche Gemeinschaft zutrifft -, sondern im Willen und im Handeln Gottes zugunsten von uns Menschen. Dies darzulegen, ist der Sinn der Abschnitte 2 bis 5. Dabei bilden die Abschnitte 2 bis 4 noch einmal eine Einheit und sie stehen dem Abschnitt 5 gegenüber. Die Abschnitte 2 bis 4 könnten überschrieben werden: das kirchengründende Wollen und Wirken des dreieinen Gottes, während es in Abschnitt 5 um die Herkunft der Kirche aus dem geschichtlichen Handeln Jesu von Nazareth geht. Die Kirche hat also eine trinitarische und eine jesuanische Herkunft. Beide Herkunftsbereiche gehören trotz ihrer Unterschiedlichkeit zusammen. Sie verweisen wechselseitig aufeinander. Und sie wirken sich auf die Gestalt und das Leben der Kirche aus. Sie prägen sie. Es wurde gesagt: die Abschnitte 2 bis 4 gehören darin zusammen, dass sie über die Herkunft der Kirche im Wollen und Wirken des dreieinen Gottes sprechen. Das geschieht so, dass die Kirche in Abschnitt 2 als Werk des Vaters, in Abschnitt 3 als Werk des Sohnes und in Abschnitt 4 als Werk des Heiligen Geistes beschrieben wird. Am Ende von Abschnitt 4 heißt es darum zusammenfassend: „So erscheint die ganze Kirche als Edas von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk“.

Damit haben wir eine erste und grundlegende Antwort auf die Frage, was gemeint ist, wenn die Kirche als Sakrament oder Mysterium bezeichnet wird, kennengelernt. Sie besteht in dem Hinweis auf den Ursprung der Kirche, der sich in ihrer Gestalt und in ihren Vollzügen auswirkt. Die beiden folgenden Abschnitte gehören wiederum zusammen. Sie könnten überschrieben werden: der sakramentale oder mysteriale Sinn der Kirche – ausgedrückt in biblischen Bildern. Die Ausgiebigkeit der Zeichnung der Bilder in den Abschnitten 6 und 7 erklärt sich wohl aus Einsicht, dass theologische Begriffe allein dem sakramentalen oder mysterialen Charakter der Kirche nur schwer gerecht werden. Bilder haben eine eigene Aussagekraft, die hier dem, was zum Ausdruck gebracht werden soll, besser entsprechen. In früheren Zeiten haben die Christen bereits gern in Bildern über die Kirche gesprochen. Im Laufe der Zeit ergab sich jedoch eine weitgehende Beschränkung auf das paulinische Bild des Kirche als des „Leibes Christi“. Dabei hoben die Theologen gern die Aspekte dieses Bildes hervor, die die hierarchische Struktur der Kirche zu verdeutlichen geeignet waren. Das sollte jetzt auf doppelte Weise korrigiert werden. Zum einen wird wieder der reichen Vielfalt der Bilder der Kirche Rechnung getragen – vor allem in Abschnitt 6. Zum anderen wird das Leib-Bild in der erstaunlichen Mannigfaltigkeit seiner Dimensionen gezeichnet – dies geschieht in Abschnitt 7. So liegt in den Abschnitten 6 und 7 eine zweite Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Aussage, die Kirche sei Sakrament oder Mysterium. Sie besagt: die Ereignisse, in denen die Kirche ihren Grund hat, kommen in den Texten der Bibel ursprünglich zur Sprache. In diesen Texten finden sich Bilder, die besonders geeignet sind, die Kirche in ihren sakramentalen und mysterialen Dimensionen zu beschreiben. Wer ein Verständnis für die Kirche gewinnen will, tut gut daran, sich diesen Bildern zuzuwenden und sie zu betrachten.

Das I. Kapitel endet mit dem Abschnitt 8, der die Überschrift tragen könnte „Die Kirche Gottes und die römisch-katholische Kirche“. Es ist bekannt, dass die römisch-katholische Kirche in ihrer konkreten, auch hierarchischen Gestalt – nicht aus Willkür, auch nicht aus Machtgier, auch nicht aus nur historisch-faktischen Ursachen, sondern aus theologischen Gründen und um dem Willen Gottes zu entsprechen – eine nicht völlige, aber doch weitreichende Identifikation zwischen sich und der Kirche Gottes vollzieht. Dies bringt das Konzil im mittleren Stück des Abschnitts 8 zur Sprache: Ecclesia Dei subsistit in ecclesia romana-catholica, könnte man sinngemäß sagen.  Dieser mittlere Teilabschnitt,  der in den „Antworten …“ der Kongregation für die Glaubenslehre erneut bestätigt wurde, ist umgeben von einer dogmatischen Grundsatzüberlegung einerseits und von einer spirituellen Weisung andererseits.

Die dogmatischen Grundsatzüberlegung im ersten Teilabschnitt von Abschnitt 8 gilt einer dritten Antwort auf die Frage, was für die Kirche Sakrament und Mysterium bedeuten. Sie umkreist der Sache nach den Begriff des Symbols. Im Symbol kommt das Symbolisierte zur Erscheinung. Zwischen dem Symbolisierten und dem Symbol waltet ein innerer Zusammenhang. Man könnte sagen: das Symbol entspricht dem Symbolisierten, dieses spiegelt sich in jenem. Angewandt auf die Kirche bedeutet dies nun: in der Kirche, sofern sie eine erfahrbare, gesellschaftlich greifbare und in das Miteinander von Amt und Gemeinde gegliederte Größe ist, stellt sich die Kirche dar, die ihrem Wesen nach das von Gott gerufene Volk, der auf das Haupt Christus bezogene Leib Christi und der vom Geiste Gottes durchwohnte lebendige Tempel ist. Die Kirche Gottes ist eine, folglich kann sie auch in ihrer gesellschaftlichen Verfaßtheit nur eine Kirche sein.

Der dritte Teilabschnitt von Abschnitt 8 bringt einen spirituellen Gedanken, der mehr ist als ein frommes Anhängsel an die so anspruchsvollen dogmatischen Aussagen der beiden vorhergehenden Teilabschnitte. Er möchte der Gefahr wehren, dass sich die römisch-katholische Kirche, die einen so weitreichenden Anspruch zu vertreten hat, triumphalistisch gebärdet und irdischen Glanz und irdische Macht verkörpert. Er sagt: einen solchen Anspruch kann eine Kirche nur als arme Kirche, als Kirche unter dem Kreuz, als Kirche auch der Märtyrer erheben. Gerade dieses spirituelle Motiv gehört im Sinne des Konzils in die Lehre von der Kirche, die in der römisch-katholischen Kirche „subsistiert“ unabdingbar hinein.

Die dritte Antwort auf die Frage nach der Sakramentalität der Kirche besagt also: die Kirche Gottes begegnet uns konkret in der römisch-katholischen Kirche, die durch eine bischöfliche Verfassung und durch ihre im römischen Papst sich darstellende Weltkirchlichkeit gekennzeichnet ist.

b) Anmerkungen zu einzelnen Aussagen

In Abschnitt 1 lautet die erste Aussage: „Christus ist das Licht der Völker“. Diese Aussage wird in einem Satz über die Kirche weitergeführt. Dieses Licht erreicht die Völker dadurch, dass es zunächst auf die Kirche fällt und von ihr aus in alle Welt weiterstrahlt. Hier steht im Hintergrund das von den Kirchenvätern immer wieder dargelegte Motiv des Mondes –    mysterium lunae. Nicht die Kirche ist die Sonne, sondern Christus, aber die Kirche ist wie der Mond. Er empfängt das Licht der Sonne und gibt es weiter.

In Abschnitt 2 geht es um die Kirche, sofern sie ein Werk des Vaters ist. Er gilt in besonderer Weise als der Garant für die Universalität der Kirche, wir könnten vorsichtig auch sagen: er ist der Garant der kosmischen Kirche. Sie kommt indem altkirchlichen Motiv der „Ecclesia ab Abel“ zur Sprache. „Dann – am Ende der Zeiten – werden … alle Gerechten von Adam an, Evon dem gerechten Abel bis zum letzten Erwählten -, in der allumfassenden Kirche beim Vater versammelt werden.“ Hier wird die Aussage, die in der Konstitution an späterer Stelle entfaltet wird, vorbereitet, dass die Kirche Gottes über die verfasste Kirche hinausreicht. Es gibt eine gestufte Zuordnung und Zugehörigkeit zur sichtbaren Kirche auch in ihrem Umfeld. Bisweilen spricht man von „konzentrischen Kreisen“. Wenn auf Abel verwiesen wird, so hat steht er für alle „Gerechten“ und noch mehr für diejenigen, die um ihr gerechtes Leben mit ihrem Leben zu bezeugen hatten, kurz gesagt: die Zugehörigkeit zur „Ecclesia ab Abel“ entsteht nicht durch Vereinnahmung, sondern durch Entscheidung. Sie ist keine „billige“. Man kann festhalten: es ist vor allem die Rückbindung der Kirche an den Willen und das Wirken des Vaters, die es ermöglicht hat, ein enges Verständnis des „extra ecclesiam nulla salus“ zu überwinden in ein offenes und weites Verständnis hinein.

In Abschnitt 3 spricht die Konstitution über den Ursprung der Kirche  im Weg und Werk Jesu Christi, des Sohnes Gottes. Lange Zeit war es üblich, den Anfang der Kirche in dem formellen Gründungs- und Stiftungswort Jesu „Petrus, du bist der Fels und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ (Mt 16, 16-18) zu sehen. Jetzt ist es der ganze Weg und das ganze Werk des Sohnes, aus denen als ihr Ergebnis die Kirche hervorgeht. Dieser ganze Weg und dieses ganze Werk kommen zu ihrem alles zusammenfassenden Ende und zu ihrer Vollendung im Sterben Jesu am Kreuz und in der Öffnung der Seite des gekreuzigten Jesus, aus der Blut und Wasser hervorströmten (Jo 19, 34). Hier klingt das von den Kirchenvätern immer wieder beleuchtete Motiv der „ecclesia ex latere Christi“ an. Blut und Wasser lassen an die Taufe und die Eucharistie denken, in deren sakramentaler Feier die Kirche immer neu entsteht und wächst. In diesem Sinne wird in Abschnitt 3 eine eucharistische Ekklesiologie grundgelegt. Ähnlich wie im Motiv der „Ecclesia ab Abel“ leben auch im Motiv der „Ecclesia ex latere Christi“ ekklesiologische Einsichten und Anliegen der Kirchenväter auf.

In Abschnitt 4 beschreibt die Konstitution die Kirche, sofern sie ihren Ursprung im Wehen und Wirken des Heiligen Geistes hat. Gemeint ist die charismatische Kirche. „Durch die Kraft des Evangeliums lässt er – der Heilige Geist – die Kirche allezeit sich verjüngen, erneut sie immerfort und geleitet sie zur vollkommenen Vereinigung mit ihrem Bräutigam. Denn der Geist und die Braut sagen zum Herrn Jesus: „Komm“ (Apk 22, 17)“. Die Kirche als „Sponsa verbi“ – auch dies ist ein in der altkirchlichen Theologie unermüdlich meditiertes Motiv, das erst in dem Moment zurücktrat, als Martin Luther im Blick auf die ihm begegnende Kirche sagte, sie sei in Wahrheit die Hure Babylon. Im Rückblick auf die Geschichte der Kirche zeigt sich, dass es immer schwer war, in Leben und Lehre der Kirche ihre amtlichen und ihre geistlichen, ihre hierarchischen und ihre charismatischen Dimensionen beieinanderzuhalten. In diesem Abschnitt wird programmatisch daran erinnert, dass beides zusammen gehört.

Wir können als wesentliche Anliegen der trinitarischen Grundlegung der Kirche in den Abschnitten 2 bis 4 festhalten: die Kirche soll in ihren kosmischen, eucharistischen und charismatischen Dimensionen hervortreten. Biblisches und patristisches Gedankengut ist dabei leitend.

In Abschnitt 5 spricht das Konzil vom geschichtlichen Ausgangspunkt der Kirche, der im Wirken des irdischen, am Kreuze hingerichteten, aber vom Vater auferweckten Jesus von Nazareth liegt. Das Leitmotiv, das das Konzil hier hervorgehoben hat, entstammt der eschatologischen Verkündigung Jesu und heißt „Reich Gottes“. Wie sind „Reich Gottes“ und Kirche aufeinander zu beziehen? Es gab eine Zeit, in der – sei es aus theologischer Überzeugung oder sei es aus erlebter Enttäuschung – zwischen „Reich Gottes“ und Kirche eine Kluft behauptet wurde. Man mag hier an den berühmten, zu Beginn dieses Jahrhunderts geschriebenen Satz von Alfred Loisy denken: „Jesus verkündete das Reich Gottes, aber gekommen ist die Kirche“. Es bleibt wahr, dass zwischen diesen beiden Größen eine Spannung besteht. Um so wichtiger ist es, dass immer wieder versucht wird, das, was „Reich Gottes“ meint, kirchlich (ekklesiologisch) zu denken und zu leben, und umgekehrt das, was Kirche meint, endgeschichtlich (eschatologisch) zu denken und zu leben. Beides läßt sich wohl nur durch den Bezug zu Jesus Christus erreichen, der – nach einem Wort wiederum der Kirchenväter – das „Reich Gottes in Person“, die „autobasileia“, ist. Dieser Gedanke klingt an in dem Satz „Dieses Reich wird offenbar in der Person Christi selbst, des Sohnes Gottes und des Menschensohnes, der gekommen ist, >um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für die Vielen< (Mk 10, 45)“.

In Abschnitt 6 werden einige Bilder für die Kirche sorgfältig entfaltet. Es ist die kosmische, die eucharistische, die charismatische, aber auch die hierarchische Kirche – und dies alles in differenzierter Einheit -, die in diesen Bildern gezeichnet wird. Es ist die sakramentale, mysteriale Kirche. Besonders wichtig ist – wie schon früher angedeutet – die Wiederbelebung des Bildes der Kirche als „Sponsa Verbi“. Über sie wird noch eine Aussage angefügt, die im VII. Kapitel der Konstitution noch einmal ausführlich behandelt wird: die Kirche befinde sich in der Fremde und auf dem Weg: „Solange die Kirche hier auf Erden in Pilgerschaft fern vom Herrn lebt (vgl. 2 Kor 5, 6), weiß sie sich in der Fremde, so dass sie sucht und sinnt nach dem, was oben ist, wo Christus zur Rechten des Vaters sitzt, wo das Leben der Kirche mit Christus in Gott verborgen ist, bis sie mit ihrem Bräutigam vereint in Herrlichkeit erscheint (vgl. Kol 3, 1-4).“

In Abschnitt 7 findet sich eine ausführliche und differenzierte Betrachtung über das paulinische Motiv des Leibes Christi, das lange Zeit hindurch so stark im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, dass andere Bilder daneben verblaßten. Dazu kam, dass es in eingeengter Weise, das heißt: auf die hierarchischen Aspekte der Kirche konzentrierter Weise im Blick war. Der Abschnitt 7 der Konstitution überwindet diese Engführung und breitet eine reiche Theologie der Kirche als des Leibes Christi aus. Die eucharistischen und charismatischen Aspekte der Kirche treten ergänzend zu den hierarchischen nachdrücklich hinzu. Die biblischen Grundlagen, wie sie einerseits im Römerbrief und im 1. Korintherbrief und andererseits im Epheserbrief und im Kolosserbrief vorliegen, werden ausgewertet. Durch den ganzen Abschnitt hindurch zieht sich der Hinweis auf das Miteinander von Einheit und Vielfalt in der Kirche. Die Gliedschaft im Leib Christi wird begründet und befestigt in den Sakramenten der Taufe und der Eucharistie. Aus der Gliedschaft im Leibe Christi ergibt sich auch ein bestimmtes Verständnis des geistlichen Lebens der Christen. Der Kernbegriff lautet: Gleichgestaltung mit Christus. „Alle Glieder müssen ihm gleichgestaltet werden, bis Christus Gestalt gewinnt in ihnen (vgl. Gal 4, 19). Deshalb werden wir aufgenommen in die Mysterien seine Erdenlebens, sind ihm gleichgestaltet, mit ihm gestorben und mit ihm auferweckt, bis wir mit ihm herrschen werden (Phil 3, 12; 2 Tim 2, 11; Eph 2, 6; Kol 2, 12 usw.). Solange wir auf Erden in Pilgerschaft sind und in Bedrängnis und Verfolgung ihm auf seinem Weg nachgehen werden wir – gleichwie der Leib, zum Haupt gehört – in sein Leiden hineingenommen; wir leiden mit ihm, um so mit ihm verherrlicht zu werden (vgl. Röm 8, 17).“

In Abschnitt 8 schließlich, in dem viele Teilthemen erörtert werden, wird die Kirche als eine „Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe“ bezeichnet. Durch die Herausstellung der Trias des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe geschieht eine Konzentration auf das Zentrum des christlichen Lebensvollzugs. Es geschieht gleichzeitig eine Rückbindung an die früheste Besinnung der Christen auf den neuen Weg, der ihnen eröffnet worden war: im ältesten in das Neue Testament aufgenommenen Brief, im 1. Thessalonicherbrief, spricht Paulus gleich in den ersten Versen vom Glauben und von der Hoffnung und der Liebe.

Das II. Vatikanum hat uns also eine starke und reiche Theologie der Kirche als des messianischen Volkes Gottes geschenkt. Wie wichtig wäre es, dass es uns im ökumenischen Rahmen gelänge, aus der Bestimmung der Kirche als des Volkes Gottes neue Impulse für den Weg in die Zukunft zu gewinnen.