ENTWELTLICHUNG – Ein kaum umgesetzter Hinweis von Benedikt XVI. zur Zukunftsfähigkeit der Kirche

Diskussionen über das Verhältnis von Kirche und Staat werden bei uns sehr oft aufgrund von Gerichtsurteilen geführt: angefangen von dem umstrittenen Urteil zur Beschneidung, über Fragen zum Kirchensteuerrecht bis hin zu komplexen Problemen im kirchlichen Arbeitsrecht. Die Gerichte sind aufgerufen, die ständig wachsenden Spannungen zwischen kirchlichen Ansprüchen und gesellschaftlicher Wirklichkeit zu lösen.

Aber: „Den Kirchen wird es langfristig nicht gelingen, ihre Privilegien wie eigenes Arbeitsrecht und Kirchensteuerfinanzierung durch Dekrete und Gerichtsurteile zu schützen“ (Hipp 28/12/2012). Auch zusätzliche noch so konstruktive kirchliche Beiträge im notwendigen öffentlichen Diskurs werden diese Fragen nicht lösen können.

Zum einen zeigt die Zahl der Gläubigen eine weiter sinkende Tendenz. Damit zerbröselt die personelle Basis für wünschenswerte kirchliche Aktivitäten. Außerdem hat sich unsere plurale Gesellschaft so verändert, dass Eingriffe von Arbeitgebern in die Privatsphäre der Arbeitnehmer nur noch (wenn überhaupt) auf freiwilliger Basis akzeptiert werden; grundsätzlich wird diese Art der Machtausübung eher abgelehnt. Versuche von Kirchen, ihre Auffassungen dennoch durchzusetzen, führen als Folge leicht zu schweren Imageschäden der Religionsgemeinschaften.

Im Interesse der eigenen Glaubwürdigkeit und Zukunftsfähigkeit sollten sich die Kirchen daher klug überlegen, in welchen Bereichen sie aufgrund ihres wohlverstandenen Selbstverständnisses weiterhin aktiv sein wollen*. Die dafür notwendigen Mitarbeiter müssen sie finden, ausbilden und begleiten. In diesem Prozess könnte allerdings auch die freiwillige Einschränkung und der bewusst betriebene (Teil-)Rückzug – in Sinne einer „Entweltlichung“ – angebracht sein.

Der Eindruck einer armen, barmherzigen, den Menschen zugewandten Kirche würde glaubhaft verstärkt, wenn sich diese Haltung auch im persönlichen Lebensstil (insbesondere der Amtsträger) widerspiegeln würde. „Der Welt zu verfallen, gibt gerade uns Hirten der Lächerlichkeit preis“, mit diesen mahnenden Worten wandte sich Papst Franziskus an 150 Nuntien bei ihrem Treffen im Vatikan am 21. Juni. Als sichtbares Zeichen der gewünschten Bescheidenheit übergab der Papst jedem seiner Botschafter ein silbernes Brustkreuz.(jwb)

Juli 2013

*Aber: Wenn der Staat sich an der Finanzierung bestimmter staatlicher Aufgaben, die in kirchlicher Trägerschaft wahrgenommen werden, beteiligt, ergeben sich als Folge für die Kirchen Gemeinwohlpflichten. Sie können sich dann nicht einfach aus diesen Bereichen zurückziehen (G. Kruip, HK 2/2014, S. 81).