Gedanken zum Heilsgeheimnis von Gottes Dreieinigkeit

Jörg Splett

 

Christen dürfen den Einen Gott sollen nicht bloß als Eines denken, sondern als Liebe schon in sich selber verstehen. (So der hier skizzierte systematische Zugang; historisch biblisch war von Jesu Reden über den „Sohn“ und den „Beistand“ bzw. den „Tröster“ auszugehen. Deren Unterscheidung vom „Vater“ galt es dann als einen Unterschied in Gott zu fassen -wenn in ihnen wirklich Gott selbst als gegenwärtig bezeugt werden sollte.) Wie aber hätte man sich solcher Viel-Einheit zu nähern?
Am wirkmächtigsten ist dafür das „psychologische“ Modell Augustins geworden. Er hat am einen Ich zugleich die Differenzierung von Selbstbewußtsein und Selbstbejahung ausgemacht. Der Mensch, seiner bewußt (mens, memoria), erblickt und benennt sich (verbum, imago) und wird in Selbstannahme mit sich eins (dilectio, donum). Das macht ihn zum Bild des dreieinigen Gottes.
Was hier deutlich bewahrt blieb, war die Einzigkeit Gottes; weniger deutlich wurde die
Wahrheit der Liebe in ihm; denn so erscheint sie doch vor allem als Selbstliebe, Egozentrik. Darum ist durch die Frömmigkeitsgeschichte hin neben diesem Bild des Selbst-Verhältnisses immer auch die Rede vom liebenden Gegenüber von Vater und Sohn weitergegangen, so sehr sie in Gefahr steht, als „mythisch“ und „Vielgötterei“ mißverstanden zu werden. -Man spricht vom Gespräch der Liebe zwischen Vater und Sohn; und das Gespräch selber, das Band der Liebe zwischen ihnen wurde als der Geist genommen. Hat man so aber Gott nicht eigentlich eher als eine Zwei-Einheit vorgestellt statt als den Drei-Einigen?

Dreieinheit nach Richard

Hier möchte ich auf einen Theologen des 12. Jh. hinweisen, der einen anderen Denkvorschlag gemacht hat. Richard von St. Victor glaubte zeigen zu können, daß zur Liebe nicht bloß zwei, sondern drei Personen gehören. Der Kernsatz seines Trinitäts-Werkes lautet: „Wenn einer einem andern Liebe schenkt, wenn ein Einsamer einen Einsamen liebt, dann ist zwar Liebe vorhanden, aber die Mit-liebe fehlt. Wenn zwei sich gegenseitig gern haben, einander ihr Herz in hohem Sehnen schenken und der Liebes-strom von diesem zu jenem, von jenem zu diesem fließt und gegenläufig je auf Verschiedenes zielt, dann ist zwar auf beiden Seiten Liebe da, aber die Mitliebe fehlt. Von Mitliebe kann erst dann gesprochen werden, wo von zweien ein dritter einträchtig geliebt, in Gemeinsamkeit liebend umfangen wird und die Neigung der beiden in der Flamme der Liebe zum Dritten ununterschieden zusammenschlägt“.
Betrachten wir dies erst einmal grundsätzlich. -Wie das Ich sich in Begegnung mit einem Du verwirklicht, so entsprechend das Wir. Die Zwei schließen den Dritten nicht aus und sich ihm gegenüber ab, sondern sie nehmen ihn an und auf, räumen ihm einen Ort ein, lassen ihn sein und sich entfalten. Sie erfahren ihr Eins-sein in diesem Dienst und Entzücken an ihm, und sie freuen sich um seinetwillen, daß sie zu zweit ihm reicheren Raum geben können.
Er wiederum findet nicht nur sich selbst und „entfaltet“ sich in ihrer Zukehr, sondern er freut sich zugleich, in seinem Beschenktwerden ihrem gemeinsamen Schenken, das heißt: ihrem Einssein, zu dienen.
Spiegelt schon hier eins ins andere, so vervielfältigt das Spiel sich dadurch, daß jeder mit jedem sich zum Wir gegenüber dem jeweilig Dritten verbindet. Indem sich nämlich der Dritte am Eins der Liebenden freut, will er die Freiheit jedes der beiden; er teilt so mit jedem von ihnen den Dienst und die Freude am andern und wird in dieser gemeinsamen Liebe mit ihm eins.

Es ist also keineswegs damit getan, zu Zweien einen Dritten zu zählen. Wird er nur
scheinbar als er selbst gemeint, dient er also tatsächlich nur als „Umweg“ zwischen Ich und Du, dann bleibt es bei der Heillosigkeit des bloßen Ich-Du-Gegenüber, wie sie uns immer wieder begegnet; weil beider Liebe dann „auf Verschiedenes zielt“. Entweder sie zerstören sich im Aufeinandertreffen (Tristan und Isolde) oder sie lösen sich in ein unpersönliches Einssein auf:
„Zwischen“, „Leben“, „All-eins“ oder wie immer genannt. Oder sie erwachen nach rauschhaftem Verschmelzen wieder zu schlimmerer Fremdheit. -Wird aber der Dritte ernsthaft selber gewollt, doch jeweils für mich, dann stehen wir vor der zerstörerischen Konkurrenz der Eifersucht, auf die etwa René Girard unser ganzes Unglück, privat wie gesellschaftlich, politisch wie religiös, zurückführen will.

Worum es geht, ist vielmehr, daß ein jeder mit dem anderen dem Dritten gut ist, jeder sich sein Du von ihm zuführen läßt und gleichermaßen ihn als sein Du sich vom anderen -um
schließlich auf diese Weise selber vom einen dem anderen zugeführt zu werden: derart jeder, wie es vorher hieß, als „Freund des Bräutigams“ -und zugleich eben so zu der eigenen Hochzeit. Das klingt verwunderlich, vielleicht gar verstiegen; aber es wäre in Ruhe zu meditieren -ob sich dann nicht doch seine Wahrheit zu verkosten gebe.
Denken wir nun diese Hinweise auf Gott hin, den wir als Selbst-Verhältnis denken müssen nicht erst als Verhältnis zu uns. Und zugleich nicht als monologisches, egozentrisches Ich-Verhältnis, sondern wirklich als Liebe: als lebendige Einheit von Außer-sich-Sein und Bei-sich-Sein in „selbstlosem“ Miteinander. Sie, die Liebe, ist das eine „Absolute“, und die „Personen“ bestehen einzig in diesem Bezug, so aber wirklich. Im Spiel dieser Mit-Liebe ist keiner Mittel, jeder Ziel, doch jeder zugleich Mittler. Statt einer Zwei-Eins-Dialektik, die zwischen Verschmelzung und Entfremdung taumelt, waltet hier die Freiheit wechselseitiger Frei-gebigkeit. Und gerade aus ihrem In-und Mit-eins unterscheiden sich „tripolar“ die Personen, welche eben nicht drei „Individuen“ gleicher Art sind, nicht einmal „ähnlich“, sondern (wie Frage und Antwort einander nicht ähneln) sich gegenseitig „ent-sprechen“ und auf solche Weise ganz in diesem Drei-Spiel leben.
Jede ganz, doch jede auf nur ihre Weise. So daß das Spiegel-Spiel der jeweils beiden und des Dritten, von dem kurz zuvor die Rede war, nicht etwa doch in einen Einheits-Wirbel permanenten Rollentauschs führt, sondern gerade in der bleibenden Verschiedenheit von Vater, Sohn und Geist und in der Wahrung der Ordnung ihrer Bezüge sich abspielt. -Um das zumindest ansatzweise zu verdeutlichen: Der Vater -ursprunglos -gibt ohne jeden Vorbehalt sich und das Seinige dem Sohn. Und dieser, restlos alles, auch das Gebendsein, empfangend, gibt so selbst, von/mit dem Vater. Der Geist ist nun die Person des reinen Empfangs; er gibt dies sein Empfangen. Je anders als Dritte(r) zu Vater und Sohn wie mit dem Sohn vor dem Vater und mit dem Vater zum Sohn. (Könnten sich darin nicht Griechen und Lateiner finden, von denen die einen den Ursprung von allem im Vater betonen, während die anderen festhalten wollen, der Geist komme auch vom Sohn?)

Der Geist

Zugleich wird damit die „Weiblichkeit“ des Geistes deutlich. (Maximilian Kolbe hat ihn die ungeschaffene Unbefleckte Empfängnis genannt.). -Damit schlage ich gerade nicht eine „geschlechter-metaphysische“ Dreifaltigkeitslehre vor. Zu solchen Versuchen wäre 1. an die prophetische Kritik gegenüber der „Baalisierung“ des Gottes-glaubens zu erinnern (die Bibel vertritt keine Naturreligion); 2. bildet den Grundzug des Vitalen gerade der Wechsel von Gegensatz und Verschmelzung, also jene Zwei-Einheits-Struktur, von der wir das Trinitarische unmißverständlich abheben sollten; 3. macht auch die Öffnung aufs Kind hin (klein-familial!) die Sache nicht besser. Das ist kein Plädoyer für Leib-Feindschaft und Abwertung der Sexualität, wohl aber eine Warnung vor ihrer Vergötzung. Sexualität bedeutet für mich keine „imago Dei“, also kein in sich stehendes (komplettes) Bild von Gottes Einheit, sondern gerade durch ihre Offenheit und Aufgebrochenheit den lebendigen Hinweis auf Ihn als den Dritten in jedem menschlichen Miteinander.
Gegen die klassische Tradition müssen wir freilich betonen, daß Empfangen nicht Passivität besagt. Will man hier überhaupt einen Unterschied machen, dann ist es das Empfangen, das mehr an Wachheit und Aufmerksamkeit verlangt als das Geben. (Wem fiele nicht das Reden leichter als jemandem wirklich, zugewandt, „Gehör zu schenken“?) Dann aber mag auch verständlich werden, warum man den Heiligen Geist die Person der Selbstlosigkeit genannt hat.
Er/Sie, die Person des Empfangens in Gott, ist auch die Empfangs-Kraft in uns. Es geht ihm nicht um sich, sondern um die Ankunft des Wortes des Vaters. Daß es Leben und Fleisch in uns werde. Zuhöchst, unüberbietbar einzigartig ist es dies in Maria geworden. Und vielleicht läßt sich jetzt sehen, wie verfehlt für ein Verständnis ihrer „Rolle“ in der Heilsgeschichte es ist, nach Götterhochzeiten in Griechenland und Ägypten zu suchen. Der Geist ist nicht ihr „Bräutigam“, als „Quasi-Vater“ des Sohnes. Er gibt nichts; er wird gegeben: als Kraft des Empfangs.
Als diese Kraft des Empfangs aber ist er von Anfang an wirksam. Wie anders hätte der Mensch sonst Gottes Wort aufnehmen können! Auf wie vielen Seiten der Schrift ist von seinem Wirken die Rede: unter den Vätern, den Richtern, den Königen, Sängern, Propheten, in seinem Volk -bis er am Ende der Tage über alle und jeden, über „Knechte und Mägde“ ausgegossen werden sollte.
Aber dies Ende ist seinerseits erst ein Anfang. Es besiegelt: jene Einheit von Gott und
Mensch, in der gerade nicht zuletzt doch alles in einem nivellierenden Eins-Sein auf-bzw.
unterginge. Der Geist, den wir erhalten und der uns zu beten lehrt, wie wir es nicht wissen (Röm 8, 26), lehrt uns zuhöchst die Anbetung Gottes. Gott aber wird nicht von sich angebetet. So ist der Geist der Einheit gerade end-gültig der Geist der Unterscheidung. Er führt uns in die ganze Wahrheit ein (Joh 16, 13): daß wir nicht Gott sind. Und er führt uns hinein in die Freude und Seligkeit dieser Wahrheit.
Klingt das unglaublich? Aber es gilt hier und jetzt schon zwischen Menschen, die sich lieben. Der Liebende ist selig, nicht der Geliebte zu sein (bei allem Schmerz der Unterschiede und des Nichtverstehens); denn wie sollte er ihn sonst lieben? Himmel heißt die Seligkeit, nicht Gott zu sein, indem wir ganz und restlos Gottes sind. Es war Franz Kafka, der sich notiert (und nochmals ins Reine geschrieben) hat, Sein heiße im Deutschen beides: dasein und Ihm gehören. Konnte er es glauben? Können denn wir es? Der uns von solcher Unglaublichkeit zu überzeugen vermag, ist der Geist.

Vielleicht läßt sich von hier aus verstehen, daß Romano Guardini, der unvergessene große
Theologe, einmal schreiben konnte: „Wenn es möglich wäre, den Schritt in den Glauben ganz rein zu vollziehen, dann würde die Antwort auf die Frage, was Personalität einfachhin sei, lauten: Gottes Dreieinigkeit.“

Ausführlicher und mit Belegen:
Jörg Splett, Gotteserfahrung im Denken. Zur philosphischen Rechtfertigung des Redens von Gott,5. erweiterte u. aktualisierte Auflage, München 2005, 233-248;
Jörg Splett, Freiheits-Erfahrung. Vergegenwärtigungen christlicher Anthropo-Theologie, 3. Auflage, Köln 2006, 288-328 (IV. Trinitarischer Sinn-Raum: Kap. 14. Ja zu Gott und Ja zum Menschen; Kap. 15: Einheits-Denken – Drei-Gespräch.)