GEGENWARTSSCHRUMPFUNG

– der Faktor Zeit als ein Aspekt der ethischen Zeitdiagnostik

In seinem Vortrag vor unserem Freundeskreis am 25. Februar hat M. Hochschild eindrucksvoll analysiert und dargestellt, warum die Haltung des „Und-so-weiter“ in allen sozialen Systemen erkennbar nicht mehr trägt, weil sie empfindlich und im Grundsatz gestört ist. Wir leben in einer Zeit epochaler Umbrüche. Es geht nicht mehr (nur) um Anpassung, um die Neuverteilung der Ressourcen, sondern um die Herausbildung eines neuen Systems. Durch die (neue?, zweite?) „Moderne“ wird auch das Verhältnis von Glaube, Religion und Moral grundsätzlich neu bestimmt und verändert. „Gutes Leben“ kann ohne Bezug auf Gott (und Religion) gedacht werden. Der Standpunkt der Vernunft reicht dafür aus, incl. die Widerspruchsfreiheit, das „Nicht-WiderSpruchs-Prinzip“ (H.-J. Höhn).

Man muss den Eindruck gewinnen, die postmoderne, nachsäkulare Gesellschaft erfände sich neu (Hochschild) – und zwar immer umfassender, aber noch ohne klar definiertes, erkennbares Ziel.

Ein wesentlicher Aspekt, der entscheidend zu der erhöhten Orientierungslosigkeit in all diesen Veränderungsprozessen beiträgt, ist der Faktor Zeit. „Der Zeitraum, für den wir mit einer relativen Konstanz der Lebensverhältnisse rechnen können, wird immer kürzer“. Dieses Phänomen wird als „Gegenwartsschrumpfung“ bezeichnet (W. Huber, Ethik 2013, S. 245, nach H. Lübbe). Die Umbrüche ereignen sich in der Zeit, sie werden von ihr aber auch angestossen und verstärkt.

Die ethische Zeitdiagnostik ist sich dieser Zusammenhänge bewusst. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn wir in der Zukunft mit einer Zunahme stark differenzierter, hochmobiler Systeme rechnen müssen. Welche Orientierungsinstrumente können dann noch helfen? Für ein gelingendes Leben?
(jwb)

April 2014