In Bewegung gehalten: Die regula Benedicti als Modell für Europa?

Sr.Gisela Happ OSB
Alliance Inter Monastères, Vanves-Paris
Es wird viel von Europa gesprochen in diesen Tagen. Mehr noch als sonst scheint mir – die letzten Tage unter deutscher Präsidentschaft.
Und ich stehe vor einem Kreis engagierter Laien, der den Namen eines hochpolitischen Bischofs trägt. Der Name Ketteler ist Ihnen „Vorbild und Ansporn“ – und wie heißt es in Ihrem Faltblatt:

„Wir wollen uns mit unseren christlichen Wertevorstellungen bei der geistigen Ausrichtung unserer pluralistischen Gesellschaft einbringen“ – nur in Frankfurt?? Oder darüber hinaus.
Und da komme ich nun aus Paris, da kommt ein Hesse, der in Frankreich lebt, um von der Lebensordnung und dem Werterahmen eines Römers zu Ihnen zu sprechen. Und von der Kirche in Europa.
Ich arbeite dort in Paris für unsere Klöster außerhalb Europas. Aber gerade, wenn Sie mehr mit Afrika zu tun haben, werden Sie die Bilder wahrnehmen, wie in Spanien und in Italien Boote mit erschöpften Flüchtlingen ankommen, wie vor zwei Jahren in Marokko, der Grenzregion zu Europa immer wieder Menschen aus Afrika die Grenzzäune in den spanischen Exklaven Melilla und Ceuta zu überwinden versuchen. Ein Ansturm von Verzweifelten, die aus Regionen kommen, in denen Bürgerkrieg herrscht, hoffnungslose Armut – Mali, Kamerun, Benin und Kongo –, und die nach mehrwöchigen Strapazen, in denen sie irgendwie die Sahara durchquert haben – versuchen, gegen Stacheldrahtspitzen anzukommen und einen Zaun zu überwinden, der sie von ihrem Traum, von Europa trennt.
Ist dieses Europa der Träume ein Europa der christlichen Werte?
Oder ist es wirklich so, wie der Züricher Tagesanzeiger beim Amtsantritt von Papst Benedikt schrieb:

„Atheisten sollten die Wahl von Papst Benedikt XVI. begrüßen, denn dieser alte, gelehrte, konservative, uncharismatische bayerische Theologe wird sicherlich die Entchristianisierung Europas beschleunigen, die er umkehren will. Am Ende seiner Amtszeit könnte Europa wieder so unchristlich sein, wie es war, als Sankt Benedikt, einer der Schutzheiligen Europas, vor 1500 Jahren seinen Mönchsorden der Benediktiner gründete. Das christliche Europa: von Benedikt zu Benedikt – möge es in Frieden ruhen. Europa ist heute der säkularste Kontinent der Erde.“
Und auf der Internetseite der deutschen EU- Ratspräsidentschaft wird zur Feier der 50 Jahre Römische Verträge von der EU als „Wertegemeinschaft“ gesprochen:
„…. Die Europäische Union ist eine Wertegemeinschaft. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, das Recht auf Leben und das Verbot der Todesstrafe, das Recht auf Unversehrtheit und das Verbot der Folter, die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit sowie vieles andere mehr…“

Hat die Kirche einen Platz in diesem „säkularen Kontinent“? Hat Benedikt als Patron Europas einen Platz, hat er etwas anzubieten für diese „Wertegemeinschaft“??

Darf ich aber noch ein/zwei Impressionen an den Anfang setzen – aus meiner Heimat, oder aus den beiden Ländern in denen ich lebe?

– Deutschland:

Vor zwei Jahren war Präsident Bush für einen knappen Tag zu Besuch in Europa: nicht in Paris, nicht in Berlin, aber in Mainz (für viele Deutsche der Inbegriff von Karneval) – und da sah man im Fernsehen den Mainzer Dom – leer, abgesperrt, sicher: Nur Mrs Bush und Mrs Schröder in einer Bank nebst Domprälat – und im Mittelgang saß Kardinal Lehmann –
Kirche als Schmuck zum Damenprogramm der Politik??

– Frankreich:

Seit fast sechs Jahren lebe ich in Frankreich, und ich lebe sehr gern dort. Trennung von Staat und Kirche – die Anrede „Madame“ war bei meinem outfit etwas ungewohnt für mich.
Dann der 11. November, Feiertag, jour de congé. Nun, dachte ich, sind doch ein frommes Volk, die Franzosen: Martinus – das wäre ein Patron Europas, einer, der aus dem Osten kommt und die fränkische Kirche bewegt – und einer, der sein letztes Hemd mit den Armen teilt – Kirche in Europa!
Nur Sie wissen vielleicht, am 11. November begeht man in Frankreich immer noch ein anderes Gedächtnis!

Und Benedikt?
Im 35 Kapitel der Dialoge Gregors des Grossen gibt es das schöne Wort über ihn: „und während er mitten in dunkler Nacht hinausschaute, sah er plötzlich ein Licht..:“ Die ganz Welt wurde ihm vor Augen geführt, wie in einem einzigen Sonnenstrahl gesammelt“ (Dialoge 35,3)

Haben wir Benediktiner eine solche Zusammenschau?? Einen etwas erhöhten Blickpunkt??
Haben wir Antworten auf die Frage:

„Du Kirche in Europa, welchen Platz nimmst du ein im öffentlichen Leben?“ Wie kannst du helfen, dass Menschen ihre Verantwortung wahrnehmen – ohne Furcht und unter Einbringung ihrer Werte in die Welt der Politik? – der Stabilitätspolitik, der Öffnung, der Erweiterung, der Migration….Haben wir wirklich Antworten? Ich denke: kaum. Wir können die Frage nur aus unserer Perspektive beleuchten – und Modelle anbieten.

Ich komme aus einem deutschen Kloster, dessen Kirche Anfang des Jahrhunderts ausgemalt wurde mit dem Leitmotiv: Das Zelt Gottes unter der Menschen. Und ich lebe jetzt am Rande von Paris in einem Kloster, das die Chance hat, das zu sein: Zelt Gottes unter den Menschen!
In einer der Metropolen Europas ein Ort, ein Haus Gottes, wo Hoffnung bezeugt wird, im ganz alltäglichen Leben, in der Gastfreundschaft, im Bezeugen der Transzendenz, in der Anbetung.
Nach dem 11.September 2001 beteten dort Muslime und Christen zusammen; keine großen Akte, kleines, konkretes Tun.

Kann die Kirche in Europa nicht wieder neu dies leben: „Ein Haus des Glaubens“, in dem Hoffnung bezeugt wird, Rechenschaft gegeben wird über die Hoffnung, die in uns ist (1Petr 3,15) – aber eben nicht nur in Verlautbarungen und Hirtenbriefen, sondern im Versuch, wirklich die Fragen und Ängste, die Konflikte und Hoffnungen in unserer Lebenswelt, in Europa, zu sehen.

In der Geschichte der deutschen Kirche gibt es bereits seit 1975 ein Papier, das bis heute noch nicht ausgelotet ist und das von dieser Hoffnung spricht und von ungeahnter Aktualität ist, der Beschluss der Würzburger Synode: Unsere Hoffnung.
„Eine Kirche, die sich erneuern will, muss wissen, wer sie ist und wohin sie zielt. Nichts fordert so viel Treue wie lebendiger Wandel….
So wollen wir von der tröstenden und provozierenden Kraft unserer Hoffnung sprechen – vor uns selbst, vor allen und für alle, die mit uns in der Gemeinschaft dieser Kirche leben, aber auch für alle, die sich schwer tun mit dieser Kirche, für die Bekümmerten und Enttäuschten, für die Verletzten und Verbitterten, für die Suchenden, die sich nicht mit dem drohenden Verdacht der Sinnlosigkeit des Lebens abgefunden haben und für die deshalb auch Religion nicht von vornherein als durchschaute Illusion gilt, nicht als ein Restbestand früherer Kultur- und Entwicklungsstufen der Menschheit.“ Von dieser Hoffnung gilt es zu sprechen.

Von Alfred Herrhausen, einem Mann der Wirtschaft, nicht der Kirche, wird das Wort überliefet:„ Wir müssen sagen, was wir denken, müssen tun, was wir sagen und müssen sein, was wir tun“ – das ist identische mit der RB: „Ein Abt, der würdig sein will, dem Kloster vorzustehen, muss immer bedenken, wie er genannt wird (Abbas, Vater), und den Namen des Obern durch die Tat wahr machen.
Verlautbarungen und konkretes Tun sollten also identisch sein – auch und gerade in der Kirche.

Kann die Kirche im eigenen Haus Modelle einrichten, die beispielhaft für die Gesellschaft wären??? Können Klöster solche Modelle sein – Orte, wo Glauben er-lebt werden kann, Er-mutigung??
Benedikt spricht in seiner Regel vom „Haus Gottes“ Er meint damit die Gemeinschaft und ihren eigentlichen Identitätsbegriff (RB 31,19; 53,18): Sie ist das Haus für Gott und das Haus, das Gott gehört. „Haus“ bedeutet Gemeinschaft, die sich bekehrt und Gemeinschaft, die glaubt, ein Ort, an dem der Friede herrschen soll, der geprägt ist vom Ideal der Einmütigkeit (vgl. Apg 4,32) und der Solidarität seiner Bewohner. Erleben wir Kirche so?
Solidarität heißt aber für Benedikt, dass niemand seine Verantwortung delegieren kann: „Gegenseitigkeit – se invicem“ ist ein Schlüsselwort für das Gelingen des gemeinsamen Lebens. Es ist nicht nur für die gemeinsamen Dienste wichtig, sondern meint die Übernahme von Verantwortung füreinander und für das Ganze, eine Verantwortung, die jeder als seine je eigene zu übernehmen hat, und die gemeinschaftsstiftend ist.  Auch und gerade in Europa!
Für Benedikt ist es zugleich ein Haus der Vielfalt: „et multorum servire moribus – der Eigenart vieler zu dienen“ (RB 2,31), ist nicht nur Aufgabe des Abtes, sondern Sinn des gemeinsamen Lebens. Unter diesem Dach haben die verschiedensten Menschen ihren Platz, Alte und Junge, Gesunde und Kranke, Starke und Schwache, aber ebenso, die hartnäckig sind, keine Zucht kennen und keine Ruhe geben; die nachlässig und widerspenstig sind – auch die gehorsam, willig und geduldig sind (vgl. RB 2,25-28). ( wenn Sie in diesen Tagen nach Brüssel schauen, finden Sie das alles…)
Das klingt doch auch wie eine Beschreibung Europas..!
Damit ist das Haus auch als „Haus der Konflikte“ gekennzeichnet durch die vielen Lebensweisen der einzelnen, die „multorum mores“ (RB 2,31), d.h. die individuellen Interessen und charakterlichen Verschiedenheiten. Und doch leben wir zusammen!
Ein Modell für die Kirche in Europa? Für ihren Platz?

Die Regel Benedikts hat eine ganz eigene Wirkungsgeschichte. Die Entwicklung der Benediktiner ist über viele Jahrhunderte identisch mit der europäischen abendländischen Kultur- und Zivilisationsgeschichte, mit ihrer Kirchen- und Politikgeschichte. Ihr Verfasser hat nicht geahnt, dass Pius XII. ihn zum „Vater Europas“ erklären und Paul VI. ihn am 24. Oktober 1964 in Montecassino zum „Patron Europas“ ernennen würde. Bei dieser Proklamation hob Paul VI. besonders „die Einigung der Völker, die auf dem gemeinsamen christlichen Glauben gründet“ hervor.
Benedikt lebt in einer Zeit des zerbrechenden Römischen Imperiums und der Völkerwanderung. Seine Regel ist ganz unpolitisch und wurde doch eines der einflussreichsten Dokumente des Abendlandes. Bis heute leben weltweit Mönche und Nonnen nach dieser Regel, ohne dass sie hätte verändert oder umgeschrieben werden müssen.

Die Benediktusregel hat europäisches Format. Sie kommt vom Montecassino, gelangt dann mit den Mönchen nach der Zerstörung des Klosters durch die Langobarden 572 nach Rom , nach Südfrankreich, nach Irland , nach England. In Angelsachsen gelangt sie schon zu Beginn des 7. Jhs. zur Alleingültigkeit, wird zur Lebensnorm von Großklöstern, die die kirchlichen und kulturellen Zentren des Landes darstellen. Von England kommt der Benediktiner Winfrid-Bonifatius mit seinen Gefährten nicht nur zur Missionierung auf den Kontinent, sondern auch zur Neu-Evangelisierung. Die Abteien, die er gründet, leben nach der Benediktusregel. Die Frauen, die mit ihm kommen, sind gebildet und prägen in ihren Klöstern das geistige und kulturelle Gesicht ihrer Zeit mit.

Es ist das Europa einer noch ungeteilten Christenheit, und damit ist die Benediktusregel als Zeugnis nicht nur vorkonfessionell, sondern überkonfessionell. Benedikt ist auch einer der Väter der getrennten Christen. Damit ist zugleich ein Aspekt europäischer Ökumene eröffnet, wenn heute Gemeinschaften in den Kirchen der Reformation die Benediktusregel mit in ihre Lebensgestaltung einbeziehen, wie in Schweden, England, Deutschland.

Von all dem steht nichts in der Benediktusregel. Aber es bewährt sich hier ein Prinzip, dass Benedikt konsequent vertritt: die Wahrnehmung für sich wandelnde Gegebenheiten, die Berücksichtigung der sich verändernden Orts- und Zeitverhältnisse und die Flexibilität, darauf zu reagieren. Der konstruktive und kritische Umgang mit der Gegenwart, wie Benedikt ihn vorsieht, stellt eine Herausforderung an das benediktinische Mönchtum dar, ist aber zugleich auch die Zukunftsfrage jeder Gesellschaft. Dabei ergibt sich die Frage nach dem Bleibenden und Unaufgebbaren ebenso wie nach der notwendigen Anpassung.

Wir Benediktiner geloben „stabilitas“ – Beständigkeit in der Gemeinschaft, Beständigkeit am Ort. Doch stabilitas ist nicht Stillstand.
Für uns gilt vielleicht diese doppelte Übersetzung: in Bewegung gehalten und in Bewegung gehalten.
Wir geloben auch „conversio“: Bekehrung, täglich neu anfangen. Das gilt wohl für jeden, der sich für Europa engagiert: verwurzelt sein in einem tragenden Grund und doch bereit zum täglich Neuanfangen!

Bundespräsident Köhler fragte in einer seiner großen Reden: “An welchen Werten und Grundsätzen sollen wir den Umbau unseres Landes ausrichten? Wer darüber nachdenkt, dem stellen sich ganz grundlegende Fragen: Was hält uns zusammen? Was wollen wir miteinander erreichen?“ Gilt diese Frage nicht genauso für die Kirche in Europa?

Vom Abt, dem Letztverantwortlichen im Kloster, heißt es bei Benedikt: „er wisse Neues und Altes hervorzuholen“ (RB 64,9) – und er achte sorgsam auf seine Herde, damit diese nicht beim Marsch überanstrengt wird und damit gilt, “was die Starken wünschen und wovor die Schwachen nicht zurückschrecken….“ (RB 64,19) Was wollen wir miteinander erreichen?

Modell für die Kirche in Europa aus dem 6. Jahrhundert!

In diesen Tagen wurde beim Gipfel in Brüssel wieder gestritten – doppelte Mehrheit oder Quadratwurzel, Substanzschwindsucht der Verfassung…
In dem Text der Europäischen Verfassung, wie er 2004 vorgestellt wurde, beginnt die Präambel mit den Worten: „Schöpfend aus den kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen Europas …“.

Was sind die kulturellen und religiösen Überlieferungen? Gibt es Grundlagen, geistige Grundlagen in diesem Großraum, der sich gern als das „Christliche Abendland“ bezeichnet?

Eine dieser geistlichen Grundlagen dieses Großraumes entsteht im Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter: Benedikt von Nursia, Abt auf dem Montecassino, schreibt um die Mitte des 6. Jhs. eine Mönchsregel, und er bindet in ihr das Erbe des frühchristlichen Mönchtums ebenso zusammen wie die spirituellen und sozialen Erfahrungen der Frühen Kirche.
Benedikt gehört zu jenen Menschen, deren Wirkung ihre geschichtliche Erscheinung weit übertrifft. Seine Gestalt und sein Leben verschwinden nahezu hinter seinem Werk.
Benedikt lebte in einer ähnlich bewegten und verworrenen Zeit wie wir. Die Regel ist das einzige Erbe, das uns von Benedikt überliefert ist und die Periode der Unsicherheit überstanden hat. Sie erschließt uns das geistliche Profil Benedikts: „Wer sein (Benedikts) Leben und seinen Wandel genauer kennenlernen will, der findet in den Vorschriften dieser Regel alles, was er als Lehrmeister vorgelebt hat. Denn der Heilige konnte nicht anders lehren als er lebte.“ (Gregor, Dial. II,36)

Wer sich für ein Mönchsleben nach der Regel des hl. Benedikt entscheidet, hat auf der Suche nach Gott die Erfahrung gemacht, dass er auf eine eigene Weise zu einem Leben auf Christus hin gerufen ist: er sucht ihn in brüderlicher Gemeinschaft, er bindet sich an eine Lebensweise gemeinsamen Betens und Arbeitens, um so die Freiheit des neuen Menschen zu gewinnen. Er stellt sich der unausweichlichen Forderung, die Gemeinschaft, die ihn tragen soll, selbst mitzutragen im gegenseitigen Dienen und Verzeihen, im aufbauenden Mitteilen seiner selbst.
Kirche im öffentlichen Leben in Europa!

Immer wieder zitiere ich den nun schon vor einer Reihe von Jahren geschriebenen Beitrag von der vor vier Jahre verstorbenen Marion Gräfin Dönhoff :

„Erst allmählich zeigt sich nun, dass die säkularisierte Emanzipation und das ungebremste Streben nach immer neuem Fortschritt, nach Befriedigung der ständig zunehmenden Erwartungen und nach wachsender Macht – immer größer, immer höher, immer weiter – dass dies alles zu Sinn-Armut, Vereinsamung und Entfremdung führt. Die totale Säkularisation, also die ausschließliche Diesseitigkeit, die den Menschen von seinen metaphysischen Quellen abschneidet und ihn auf die Belange dieser Welt beschränkt: Entdeckung, Erfindung, Leistung, Produktion und Konsum, dieser totale Positivismus kann als einzige Sinngebung auf die Dauer den Menschen nicht befriedigen“ Da steht die Aufforderung an uns alle drin: bezeugt eure Hoffnung!!
Und etwas später spricht sie von „der Unfähigkeit, vom Unvermögen der Menschen, Maß zu halten“.

Benediktinisches Leben versucht (in aller Brüchigkeit und Begrenzung), gemeinsame Verantwortung zu leben, Maß zu halten. Die discretio, die weise Maßhaltung, durchzieht die Regel des hl. Benedikt wie ein roter Faden. Und ist vielleicht unser Versuch einer Antwort, ist der Versuch diese Spannungseinheit zu leben: stabilitas in coversione – Beständigkeit und Wandel, Kontinuität und Wandel.

Die Situation zur Zeit Benedikts war politisch und gesellschaftlich sicher noch schwieriger als die heutige. Es war die Zeit der Völkerwanderung. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren trostlos. Zeit der Veränderung!
In dieser orientierungslosen und zerrissenen Welt hat Benedikt sein Kloster gebaut und für seine Mönche eine Regel geschrieben.
Mitten in der wirtschaftlichen Trostlosigkeit ging Benedikt daran, mit seinen Mönchen die Felder zu bebauen und in den Werkstätten handwerkliche Kunst zu betreiben.

Und heute, in einem von Arbeitslosigkeit und Wirtschaftssorgen gezeichneten Kontinent voller „Schwermut, Pessimismus, Zukunftsangst“…?

Von der Arbeit dieser kleinen Gruppe Mönche ging eine kultivierende Wirkung auf das ganze Abendland aus. Die Benediktiner wurden zu Trägern der abendländischen Kultur.

Im Prolog seiner Regel schreibt Benedikt vom Mönch, dass er einer ist, der „Lust hat am Leben und gern gute Tage sieht. Gehalten von einem tragenden Grund und doch in Bewegung!

Unsere Identität basiert auf gemeinsamen Werten. Kirche im Öffentlichen Leben bezeugt diese Werte, Einzelne, die sich engagieren in diesem Europa der Trennung von Politik und Religion, von Staat und Kirche treten ein für diese Werte. Ethische Werte aber erfordern ein Gespür für die Bedeutung und den Einfluss von Kulturen.

Was ist denn Kultur überhaupt? Wir Benediktiner haben uns immer als Kulturträger verstanden – lange vor den Worten von „Europäischer Leitkultur“:
Cultura stammt von dem Verb colere, colui, cultus. Und darin sind vier Bedeutungen enthalten:
bebauen, bearbeiten, wirklich Land unter den Pflug nehmen. Das haben Benediktiner in allen Zeiten und an allen Orten getan, vom Wälderroden bei den Sachsen, bis hin zum Weinbau im Rheingau… – das erdet uns!
bewohnen, ansässig sein : Land wirklich bewohnbar machen, auf Dauer und verantwortet.
schmücken, ausbilden, hegen und pflegen: den Körper und den Geist : alles was zur Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen gehört. Der Benediktinerorden hat auch in diesen Bereichen immer ‘Kultur’ geprägt (Schreibstuben und Bibliotheken der Benediktiner haben Europa mitgestaltet.) – und schließlich
verehren, anbeten: unsere höchste Form des Kultes – Gottesdienst, Liturgie, das ‘über die ausschließliche Diesseitigkeit’ hinaus.
Vielleicht deutet sich hier ein wenig an, wie die benediktinische discretio, das rechte Maß in all seiner Spannung aussehen kann: geerdet im besten Sinne, und doch ausgestreckt nach ‘oben’, wissend, dass wir allein nicht die großen ‘Macher’ sind, dass wir letztlich alle vom Empfangenen leben! alle! In Brüssel und in Frankfurt!

Benediktiner tragen einen Namen , der auch so etwas ist wie ein Programm: bene-dicere: das gute Wort zusprechen, segnen, den Segen Gottes, das das Leben fördert, weitergeben – und bene-dicere : den Schöpfer preisen, das Lob zurücktragen zu ihm, dem aller Kult gilt – Kultur-träger über allen inflationären Wortgebrauch hinaus! So sollten wir „den Himmel erden“ wir alle!

Das Kloster ist für Benedikt eine ‚Schule des Herrendienstes‘, eine lernende Gemeinschaft, immer in Konfrontation mit Neuem, vielleicht auch mit Unwillkommenen.
Benedikt spricht im 4. Kapitel vom Kloster als Werkstatt: es geht um ein konstruktives miteinander und aneinander arbeiten. Das gilt in gleicher Weise vom Miteinander in der Kirche.
Aber eine Schule, eine lernende Gemeinschaft, ist nicht nur Veränderung, sondern auch Bewahren: eine lernende Gemeinschaft, eine in Bewegung gehaltene Gemeinschaft – es muss also noch etwas geben, was uns hält und trägt.

Kirche in Europa als praktischer Lern-ort zwischen Bewahren und Verändern??
Stand-ort der Kirche in Europa im öffentlichen Leben: Ein Haus, eine Schule, hängend zwischen dem Himmel und der Scholle, die es umzubrechen gilt – und zuerst und zuletzt auf Gott ausgerichtet.

Als Kriterium für die Aufnahme in die klösterliche Gemeinschaft hält Benedikt fest: „…si revera Deum quaerit – ob er wahrhaft Gott sucht, ob er wirklich nach Gott fragt“ (RB 58,7). Damit ist ein offener Horizont angesprochen, der über Innerweltliches hinausgeht. Viele Menschen suchen den Sinn ihres Lebens, eine Aufgabe, nach einer Antwort auf das Leid dieser Welt, suchen Geborgenheit und Liebe, suchen letzte Erfüllung, Wege der Gewaltfreiheit und Wege zum Frieden, suchen Sinn. Es sind zugleich Fragen nach den richtigen Wegen, Fragen nach dem Letzten, was Menschen bewegt, Fragen nach dem, worauf niemand eine Antwort weiß.

Diesen Horizont hält Benedikt offen. Aber er bindet ihn an das Wort „Gott“: Gott suchen, nach Gott fragen. Für ihn ist dies das Entscheidende schlechthin. Gott ist aber der personale Gott der Bibel – wie er im jüdisch-christlichen Verständnis sich offenbart hat, der Gott, der sich in Jesus Christus inkarniert hat, der Schöpfer und Erlöser. Die Ausrichtung auf diesen Gott stellt das Leben in einen Horizont, der Transzendenz ermöglicht, das Übersteigen der Grenzen reiner Nutzen-Kosten-Rechnungen und der Verwertbarkeit von Menschen. Die Eröffnung von Transzendenz ist entscheidend in einer Umwelt, die eingeschränkt ist auf das Machbare und Genießbare. – Hier ist der Platz der Kirche!
Wenn Benedikt sagt „Gott“ suchen, gibt er die Priorität christlichen Lebens vor: Gott allein suchen, Gott zuerst suchen – das trägt immer das Moment der Entscheidung mit sich. In der Gottsuche macht sich der Mensch auf einen ganz bestimmten Weg, der nicht die Beliebigkeit stets offener Optionen und aller wählbaren Alternativen enthält. Damit ist eine Entschiedenheit und Eindeutigkeit aufgezeigt, die viele Menschen heute dringend brauchen.
Die erste Aufgabe der Christen und Kirchen ist es, die Frage nach Gott einzubringen, die Suche nach Ihm und damit auch nach dem, was den Menschen zum Heil dient.
Die Ausrichtung auf Gott stellt das menschliche Leben in einen Horizont, der die Grenzen des Materiellen, des Verwendbaren, des reinen Pragmatismus, der die Zweckmäßigkeit und ökonomische Effizienz hinter sich lässt. Das Offenhalten von Transzendenz ist ebenso entscheidend in einer Umwelt, deren Horizont eingeschränkt ist auf das Innerweltliche, damit das Menschliche nicht verloren geht und das Göttliche bewahrt bleibt.
Es kann nicht darum gehen, die Weisungen der Benediktusregel eins zu eins in die Europäische Verfassung zu übernehmen oder in unseren Gesellschaften zu verwirklichen. Sie sind aber eine Orientierung, da sie den Wertekanon des Abendlandes entscheidend geformt haben und so mithelfen können, Wege zur Lösung auch unserer Fragen heute zu finden.

Hat Benedikt der Kirche in Europa etwas anzubieten?
Benedikt will mit seiner Regel den Menschen eine Lebensform anbieten, die es diesem ermöglicht in sein Ordnungsgefüge zurückzukehren und von da aus ordnend auf seine Umgebung zu wirken. Es gilt die Beziehung zu Gott, zu seinen Mitmenschen, zu sich selbst, zur uns umgebenden Schöpfung angemessen zu gewichten und aufbauend zu gestalten. In Bewegung gehalten – stabilitas und conversio!

Unser Leben bleibt dabei ein Versuch – und ist als solches ‚versucht‘. Wir erfahren immer wieder die Differenz zwischen dem mehr an Möglichkeiten und unserer Wirklichkeit.

Benediktiner sind nicht besser (vielleicht auch nicht schlechter) als andere Christen in Europa.
Aber die Regel des hl .Benedikt versucht eine Ordnung aufzuzeigen, in der die Bewegung „gehalten“ ist, einen Halt hat, einen tragenden Grund.
Wo immer nur das Neue gefragt ist, werden langfristige Bindungen unmöglich, Beruf, Wohnort, soziale Stellung, Familie, alles ist den zufälligen Anforderungen des Wirtschaftslebens unterworfen.
Eine Ordnung, die den Menschen keinen tiefen Grund gibt, sich umeinander zu kümmern, kann nicht von Bestand sein.

Vielleicht könnte diese Regel, die die Kultur in Europa mit grundgelegt hat, heute wieder neu ein wenig Modell werden, damit gilt:
„was die Starken wünschen und wovor die Schwachen nicht zurückschrecken.“

Und vielleicht darf ich noch ein Zitat von Alfred Delp SJ einfügen, hier bei der Ketteler-Gilde, die St. Georgen und der Gesellschaft Jesu so nahesteht:

In seinen Gefängnisschriften hat er mit verblüffender Weisheit über die Krise der Kirche und der Orden nachgedacht. Er fordert „ehrliche Nüchternheit“ in der Feststellung, „dass die Kirche heute nicht zu den führenden Kräften der Menschheit gehört,“ und dass „die christliche Idee… keine der führenden und gestaltenden Ideen“ ist.
Für die Zukunft der Kirche misst er den Orden eine große Bedeutung zu – „der Orden muss wieder ein Grund schöpferischer Quelle werden“!
Das sagt er den Jesuiten, der Gesellschaft Jesu – aber vielleicht gilt dies ja doch auch für Benediktiner und für uns alle hier – für die Kirche in Europa – in der Gesellschaft Jesu.