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Pater Prof. Dr. Klaus Schatz SJ:

B O N I F A T I U S   U N D   S E I N E   B E D E U T U N G  F Ü R   U N S   H E U T E

Die Fällung der Donareiche - Mythos und Realität.
Keine Begebenheit aus dem Leben des hl. Bonifatius ist so populär und allbekannt wie die Fällung der Donareiche bei Geismar in Nordhessen. Die Szene, von seinem Biographen Willibald beschrieben, wie der Heilige als unerschütterlicher Glaubensheld den anwesenden Heiden, die ihn in ihrem Herzen verwünschen, die Machtlosigkeit ihres Gottes Donar handgreiflich vor Augen führt, indem ihn kein Blitz vom Himmel her trifft und statt dessen die Eiche nach den ersten Axthieben niederstürzt und in vier Stücke zerbirst, galt auch manchen neueren Historikern als überzeugende “Tatmission”, genau dem Mentalitätshorizont und der Fassungskraft der heidnischen Germanen angepaßt. In Wirklichkeit war die Bedeutung und der Stellenwert dieses Ereignisses - seine von manchen neueren Forschern bestrittene Historizität einmal vorausgesetzt - etwas anders, als wir sie ihm gewöhnlich beimessen. Denn
1. Hatte es Bonifatius bei der Fällung der Donareiche nicht oder zum geringsten Teil mit echten Heiden zu tun - die hätten wahrscheinlich aggressiv auf die Zerstörung ihres Heiligtums reagiert und sich keineswegs überzeugen lassen. Er hatte es vielmehr mit Christen zu tun, die auch noch im Banne heidnischer Tabus standen oder heidnische Kultstätten aufsuchten und dort opferten. Die Fällung der Donareiche gehört deshalb wohl in den Kontext des Kampfes gegen den christlich-heidnischen Synkretismus.
2. Genau so wichtig oder vielleicht noch wichtiger als die Fällung der Donareiche ist, was Bonifatius nachher mit dem Holz des Baumes machte. Er ließ nämlich aus dem Holz eine Kirche errichten, die dem hl. Petrus geweiht war. Dies gehört einmal in den Rahmen der "Kultsukzession", der vielleicht wichtigsten Form der Inkulturation, die bei der Germanenmission befolgt wurde und die sich auf eine Weisung von Papst Gregor dem Großen für die Angelsachsenmission stützte. Sie ging von der Einsicht aus: Religion ist für archaische Menschen viel mehr mit heiligen Orten verbunden als mit Inhalten. Inhalte können wechseln, heilige Orte bleiben. Deshalb ist für die Einwurzelung des Christentums nichts wichtiger, als daß man diese Orte neu christlich besetzt, an Stelle von Tempeln oder anderen Kultstätten Kirchen baut. Aber weshalb gerade eine Kirche des hl. Petrus? Hier ist nicht unwichtig, daß es in der germanischen Religion zwei Hauptgötter gab. Dies war einmal Wotan (oder Odin bei den Nordgermanen), der Schlachtenlenker, der Herr der Geschichte, der menschlichen Geschicke. Der zweite war Donar oder Thor, der Gott des Wetters, des Gewitters, des Wachstums, auch des häuslichen Herdes, kurz der Gott der Natur. An die Stelle von Wotan trat nun Christus, als der mächtigere Gott der Schlachten und der Völker. Wer aber trat an die Stelle Donars? Nichts war naheliegender, als an seine Stelle den hl. Petrus zu setzen, der die Schlüssel des Himmels in seiner Hand hatte.

Missionar oder Kirchenordner?
Dies jedoch kann uns dazu verhelfen, von einer romantisierenden Sicht weg und dem wirklichen Winfried-Bonifatius näherzukommen. Wenn für unser Bewußtsein Bonifatius vor allem der große Heidenmissionar ist, dann entspricht dies zwar dem, was er auch selbst in erster Linie sein wollte, als er 716 im Alter von schon mehr als 40 Jahren aus seiner angelsächsischen Heimat auf die apostolische "Peregrinatio", die Pilgerfahrt in die Fremde, zog. Tatsächlich besteht aber nicht darin seine Hauptbedeutung und geschichtliche Wirkung. Missioniert haben schon viele andere vor ihm. So gut wie vollständig christianisiert waren die linksrheinischen Gebiete, aber auch die süddeutschen Stämme der Alemannen und Bayern. Auch zu seiner Zeit noch missionarisch unberührt war das heutige Norddeutschland, d.h. das Gebiet des sächsischen Stammes, nur schwach berührt das Gebiet des friesischen Stammes, in dem er zu Beginn missionierte (mit eher bescheidenen Erfolgen) und dann wieder am Ende seines Lebens, vor seinem gewaltsamen Tod, der in seiner Sicht sicher ein Martyrium war, vonseiten der Täter aber wohl ein einfacher Raubüberfall. Sein eigentliches Wirkungsgebiet war der mainfränkisch-hessisch-thüringische Raum, etwa das Gebiet der heutigen Bundesländer Hessen, Thüringen sowie des Nordens Bayerns. Dies war aber ein Gebiet, in welchem das Christentum keineswegs neu war. Das Hauptproblem, mit dem sich Bonifatius hier auseinanderzusetzen hatte, war vielmehr der heidnisch-christliche Synkretismus, die Gemengelage und das Ineinander von christlichen und heidnischen Glaubensvorstellungen und religiösen Praktiken. Dies hing aber wiederum zusammen mit der Eigenart germanisch-vorchristlicher Religiosität. Der germanische Götterhimmel war nicht exklusiv, sondern offen für Neuaufnahmen, ja für "Aufsteiger-Götter", die sich bewähren und von Randpositionen allmählich zu führenden Stellungen aufrücken konnten. Den "Krist" als zusätzlichen Gott zu verehren, ja sich persönlich besonders an ihn zu binden, dies war deshalb nicht das Problem. Das eigentliche Problem war die Aussschließlichkeit des christlichen Gottes, der keine fremden Götter neben sich duldet, also das Verlassen der alten Götter. Das Problem war nicht, die Taufe zu empfangen, an der Messe teilzunehmen, christliche Segnungen zu empfangen, die sich dazu noch durch ihre Exotik empfahlen und magische Wirkung versprachen. Das Problem war, nicht mehr gleichzeitig zu den heiligen Bäumen und Quellen zu pilgern. Und vor allem damit hatte sich Bonifatius auseinanderzusetzen. Er berichtet selbst von Priestern, die das Meißopfer feierten und daneben auch noch dem Wotan opferten und an heidnischen Opfermählern teilnahmen. Und er hat wohl mehr Menschen, die halb Christen und halb Heiden waren, vom heidnischen Kult abgebracht, als Ungetaufte bekehrt. Und geschichtlich folgenreich ist Bonifatius in erster Linie als Organisator, Ordner und Gestalter der Kirche "Austrasiens", d.h. des Ostens des Frankenreiches, viel mehr denn als Missionar. Gerade darin aber entzieht er sich einer allzu leichten Vereinnahmung, begegnet uns vielmehr in seiner ganzen Fremdheit und Sperrigkeit.

Fremdheit und historische Distanz.
Es hieße, den historischen Graben zwischen ihm und uns zu ignorieren, wenn wir uns nicht zunächst dieser Fremdheit und Sperrigkeit aussetzten. So leicht läßt sich Gestalt und Wirken des hl. Bonifatius nicht aktualisieren. Vier Momente dieser Fremheit mögen genannt werden.
1. Kein Sinn für ”Inkulturation”: Inkulturation im heutigem Sinne ist dem historischen Bonifatius ziemlich fremd, ganz zu schweigen von "interreligiösem Dialog". Die heidnische Religion ist für ihn selbstverständlich Werk des Teufels; die Menschen von ihr zu befreien, heißt sie aus der Herrschaft Satans zu befreien. Aber auch pädagogische Anpassung in den Gebräuchen, abgesehen von dem speziellen bereits erwähnten Fall der Kultsukzession, findet man bei ihm eigentlich kaum. Schärfstens geht er immer wieder vor gegen heidnischen Aberglauben, gegen Amulette, gegen Opfermähler, gegen alles, was aus dem Heidentum stammt. In unseren Köpfen hat sich ja die Vorstellung festgesetzt, daß die Kirche im frühen Mittelalter heidnische Gebräuche übernommen, umgeformt, und so allmählich, manchmal bis in Abergläubische, verchristlicht habe. Das gilt jedoch meist erst für viel spätere Zeiten, oft erst für das Spätmittelalter oder gar erst die frühe Neuzeit. Bei Bonifatius selber herrscht zunächst einmal eine ganz andere Linie vor: rigoroser Kampf gegen alle heidnischen Gebräuche, nicht Anpassung und positive Anknüpfung. Dazu gehört u.a. Kampf gegen das Essen von Pferdefleisch, das ja bei den heidnischen Opfermählern der Germanen eine religiöse Bedeutung hatte. Hinzu kommt bei ihm persönlich die offensichtliche Schwierigkeit, sich in die ganz andere Welt des östlichen Frankenreichs innerlich einzufühlen, vor allem in das dortige mit Heidnischem vermischte Christentum. Er maß alles an dem geordneteren Maßstab der angelsächsischen Kirche, der er entstammte; und zumal dort, wo er sich auf römische Traditionen und päpstliche Weisungen berufen konnte, kannte er keine Kompromisse.
2. Kirchenzucht und Kampf gegen das Heidentum mithilfe des weltlichen Arms: Für Bonifatius ist die Unterstützung durch die fränkische Staatsgewalt, d.h. vor allem durch den Hausmeier, von elementarer Wichtigkeit, sowohl um die Ordnung der Kirche aufrechtzuerhalten, wie um heidnische Bräuche, durchaus auch mit Gewalt, zu unterdrücken. Wie wenig er ohne die fränkische Staatsgewalt auszurichten vermochte, wird deutlich im Brief an den vertrauten Bischof Daniel von Winchester: "Ohne den Schutz des Frankenfürsten kann ich weder das Kirchenvolk leiten noch die Priester und Geistlichen, die Mönche und Gottesmägde beschirmen noch ohne seinen Auftrag und die Furcht vor ihm heidnische Bräuche und die Greuel des Götzendienstes in Germanien verhindern". Wenn faktisch seine Mission weniger “Zwangsmission” war, als aus diesen Worten zu sprechen scheint, dann einmal wegen der notorischen Schwäche frühmittelalterlicher Staatsgewalt, welche zur Folge hatte, daß im ganzen Zwang und Gewalt in der Mission des frühen Mittelalters eine geringere Rolle spielten, als die offizielle kirchliche Doktrin zuließ, dann weil bei ihm die Hausmeier (Karl Martell und dann nach 747 wieder Pippin) mehr politische Rücksichten auf den Adel nahmen, als Bonifatius lieb war. Diese enge Bindung an die staatliche Zentralgewalt ist freilich im Lichte der damaligen Alternative zu sehen. Und diese lautete nicht: eine freie Kirche, auf ihre eigenen Kräfte gestützt. Sondern: eine von den lokalen Machthabern und schließlich von den örtlichen Grundherren beherrschte Kirche. Es war entweder eine durch das Eigenkirchenwesen völlig zersplitterte Kirche, in welcher der einzelne Priester von seinem Eigenkirchenherrn abhängig war und die Bischöfe jegliche reale Kontrolle über den Klerus verloren; oder es war der Zustand, wie er in den Diözesen Trier, Mainz und Lüttich vom 7. zum 8. Jahrhundert bestand: daß das Bistum generationenlang vom Vater auf den Sohn überging, von einer Dynastie beherrscht, die von keiner Zentralgewalt kontrolliert wurde. Im allgemeinen gilt im Frühmittelalter: Die Kirche wird entweder vom Königtum oder vom Adel beherrscht. Im ersteren Fall bestehen tendenziell mehr Chancen, gewisse objektive Normen und Grundsätze der kirchlichen Tradition zur Geltung zu bringen. Von da aus herrscht von Bonifatius über die Karolingerzeit bis zur ottonischen und frühsalischen Zeit jene offizeille kirchliche Linie vor, die man "Option für das Königtum" nennen könnte. Erst durch die "gregorianische Wende" des 11. Jahrhunderts wird diese Linie ihre erste Brechung und Krise erfahren.
3. Archaisch-religiöse Petrusverbundenheit: Noch spezifischer ist freilich für Bonifatius die Bindung an Rom als an den Sitz Petri. Bonifatius besucht nicht nur dreimal in seinem Leben die ewige Stadt, holt sich nicht nur 722 die Bischofsweihe in Rom, 732 mit dem Pallium die Erzbischofswürde, ordnet nicht nur als päpstlicher Legat die Kirche Germaniens. Vor allem fragt er immer wieder an, oft in scheinbaren Kleinigkeiten, etwa ob bei der Meßfeier ein oder zwei Kelche auf dem Altar stehen sollen (denn damals war die Kelchkommunion der Laien noch allgemein üblich), oder wieviel Kreuzzeichen beim Meßkanon zu machen seien. Er will immer wieder wissen, wie es die römische Kirche in Lehre und Praxis hält (“quomodo teneat vel doceat haec sancta Romana ecclesia”). Rom ist der Ort privilegierter Tradition; und der Papst ist einfach der Sprecher und Zeuge dieser Tradition. Er soll nicht so sehr Entscheidungen fällen, als Zeugnis geben. Indem man sich an Rom hält, ist man den Aposteln, ist man dem heiligen Petrus nahe. Der Papst tritt hier als Person noch völlig zurück; er ist noch nicht "Stellvertreter Christi", sondern "Stellvertreter Petri": in ihm und durch ihn handelt Petrus vom Himmel herab; Petrus ist es, der Bonifatius auf apostolische Reise schickt und ihn sendet, nicht Gregor II. oder Gregor III. Und Bonifatius unterscheidet gewiß nicht zwischen dem Notwendigen kirchlicher Einheit und den Dingen, wo Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit herrschen soll und kann. Denn für ihn bildet wie für die meisten Menschen des frühen Mittelalters alles in Glauben und Leben eine Einheit, vom Glauben und der Litzurgie bis zu jener Frage, die selbst Papst Zacharias offensichtlich zuviel war, als er dem Bonifatius erwiderte: "Du hast gefragt, nach wie viel Zeit man Speck essen soll. Uns ist dafür von den Vätern keine Weisung gegeben. Wir geben Dir daher aber auf Deine Bitte den Rat, ihn erst zu essen, wenn er über dem Rauch getrocknet oder auf dem Feuer gekocht worden ist; hat man aber Lust ihn ungekocht zu essen, soll man das erst nach dem Osterfeste tun" (also nicht in der Fastenzeit). Man hat diese Rombindung des Bonifatius kritisiert, von protestantischer und - im Namen eines legitimen kirchlichen Pluralismus - auch von katholischer Seite aus. Man könnte hervorheben, daß hier an die Stelle der bisher auch im lateinischen Westen bestehenden Vielheit von Landeskirchen zwar noch keineswegs der administrative römische Zentralismus tritt (der war in der Karolingerzeit undenkbar: die Kirche regiert der König, erst recht unter Karl dem Großen), wohl aber die Vorstellung, "katholisch" bedeute Angleichung in Liturgie und Recht (und nicht nur im Glauben) an die römische Kirche. Man kann auch mit Recht darauf hinweisen, daß so etwas Gregor dem Großen noch fremd war, der vielmehr 601 an Erzbischof Augustinus von Canterbury schreibt, er solle bei den Angelsachsen nicht unbedingt die römische Liturgie einführen, sondern was immer er aus Rom, Gallien oder sonstwo gut finde. Was jedoch diesen Eindruck der Fremdheit verstärkt, ist, daß diese Angleichung an Rom und an die römische Petrustradition bei Bonifatius und seinen Zeitgenossen, erst recht später bei Karl dem Großen, einen ausgesprochen archaisch-religiösen Hintergrund hat. Das wird schon deutlich, als im Heimatland von Bonifatius, im Königreich Northumbria, etwa ein Jahrzehnt vor seiner Geburt auf der Synode von Whitby 664 entschieden wird, den römischen Ostertermin und nicht den irischen zu übernehmen. Die Iren berufen sich als Autorität auf den hl. Kolumban, die römische Partei auf den hl. Petrus. Die Entscheidung fällt König Oswiu. Als er von den Worten Jesu in Mt 16,18 f. hört, vor allem, daß dem hl. Petrus die Schlüssel des Himmelreiches verliehen sind, fragt er die Iren, ob sie ähnliche Wort Jesu an den hl. Kolumban anführen könnten. Natürlich können sie solche nicht bieten; und damit steht für den König die Entscheidung fest: Wenn Petrus die Schlüssel des Himmels hat, dann wolle er ihm nicht widersprechen, “damit nicht dann, wenn ich zur Pforte des Himmels komme, niemand ist, der aufmacht, weil der sich abgewendet hat, der öerwiesenermaßen die Schlüssel besitzt”. Aber auch über diese mehr als interessante Episode hinaus ist bei Bonifatius und dann in der ganzen Karolingerzeit bei der Übernahme der römischen Liturgie im Hintergrund die Vorstellung leitend: In der Religion und speziell im Kult kommt es auf die "richtigen" Vollzüge, auf den "korrekten" Verlauf an; jedes Wort muß stimmen, es muß von der richtigen Person zur rechten Zeit richtig ausgesprochen werden, sonst wird die göttliche Wirklichkeit nicht erreicht. Und die beste Garantie für die "richtigen" religiösen Vollzüge ist die Tradition des hl. Petrus, die vor allem durch sein Grab, in dem er nach wie vor wirkt und präsent ist, in der römischen Kirche gegenwärtig ist. Es ist eine durchaus archaisch-religiöse Vorstellung, die bei dieser Ausrichtung an den Gebräuchen der römischen Kirche im Hintergrund steht.
4. Gerichtsangst: Bonifatius lebte wesentlich aus der Angst vor dem göttlichen Gericht, in einem Maße, daß es seiner Religiosität in unseren Augen etwas Bedrückendes verleiht. Das ist einmal zeitgeschichtlich bedingt, hängt aber auch wiederum mit seinem Charakter und seinem Werdegang zusammen: absolut lauter, sehr gewissenhaft, sehr genau, sicher mit einem Hang zum Perfektionismus, fühlt er sich auch leicht überfordert, und dies insbesondere in der ihm immer bis zu einem gewissen Grade fremden Wirklichkeit Germaniens. Und dies verstärkt sich bei ihm im Alter. Gerade gegen Ende seines Lebens erscheint er angefochten von sehr pessimistischen Stimmungen, von Zweifeln am Erfolg seiner Tätigkeit, die dann in Schuldgefühle übergehen. So schreibt er 747 an Erzbischof Cudbert von Canterbury: Synodenbeschlüsse seien zwar erfolgt, aber sie drohten auf dem Papier stehen zu bleiben, die Realität werde durch sie noch nicht verändert; "und um beispielsweise zu sagen, wie ich in Angst bin, wir haben in den Fluten eines wilden Meers ein für allemal ein Schiff zu steuern übernommen, das wir weder richtig lenken können noch auch ohne Sünde im Stich lassen dürfen". Und dann kommt die nagende Frage: Habe ich versagt? Er selbst, gewissenhaft bis ins Letzte, lebt aus all den Schriftstellen, die an die Hirten gerichtet sind, die von Wachsamkeit und Hirtensorge sprechen, aber auch das "Wehe" verkünden für die verantwortungslosen Hirten, die sich selbst weiden. "Diese und ähnliche Betrachtungen haben mich erschreckt, und Furcht und Zittern ist über mich gekommen, und die Finsternis meiner Sünden hat mich fast zugedeckt, und das einmal übernommene Steuer der Kirche gänzlich aus der Hand zu geben, wäre mir lieb und recht gewesen, wenn ich das bloß fertig brächte". Und doch ist auch für ihn die Angst vor dem Gericht nicht das Letzte, sondern das Vertrauen auf den, der letzten Endes wirkt und ihn berufen hat. Und deshalb fährt er im selben Brief fort: "Vertrauen wir dem, der uns die Last auferlegt hat. Was wir nicht durch uns tragen können, wollen wir durch den tragen, der allmächtig ist und sagt: Mein Joch ist süß und meine Bürde ist leicht". In einer letzten Dimension weiß er die Antwort - aber emotional ist für ihn die Gerichtsangst doch stärker.
Ist uns also nicht Bonifatius so fremd gerückt, sind nicht gerade die historischen Rahmenbedingungen und mentalen Voraussetzungen seines Wirkens so radikal anders, daß es schwer fällt, von seiner aktuellen Bedeutung zu sprechen? Daß seine geschichtliche Wirkung, keineswegs nur für die Kirche Deutschlands, sondern für das ganze Abendland, immens ist, steht außer allem Zweifel; es sei nur an die spezifische Rombindung erinnert, die er der fränkischen und in den Konsequenzen der ganzen abendländischen Kirche übermittelte, ob man sie nun in jeder Hinsicht positiv beurteilt oder nicht. Aber können wir dem, was er zu seiner Zeit gewollt, versucht und verwirklicht hat, exemplarische Bedeutung für uns heute abgewinnen, ohne im Grunde anachronistisch zu werden?

Fünf bleibend gültige Dimensionen christlicher Glaubens-Weitergabe.
Dennoch erscheinen durch alle Fremdheit hindurch in Bonifatius Dimensionen des Christseins und seineer Weitertradierung durch die Geschichte hindurch, die für alle Zeiten Gültigkeit behalten und die wir gerade heute wieder in Gefahr sind, aus dem Blick zu verlieren.
1. Mission gegen Gentilreligion. Hier geht es um jenen Impuls, der Bonifatius beseelte, als er seinem Leben eine ganz neue Richtung gab. Er war nicht nur kein junger Mann mehr, er war auch nicht irgendwer, als er 716 seine angelsächsische Heimat verließ und sich der Mission widmete. Er war war ein anerkannter und angesehener Lehrer, nämlich Leiter der Klosterschule von Nursling, literarisch hochgebildet, Verfasser mehrerer Schriften, sicher einer der bedeutendsten geistigen Köpfe in der angelsächsischen Kirche seiner Zeit. Wenn wir freilich fragen, was ihn genau motivierte, diese Wende zu vollziehen, dann lassen uns die Quellen im Stich. Wir kennen nicht seine persönlichen Motive. Aber wir kennen die Tradition und die geistliche Linie, in die er sich stellte. Und das war das geistliche Ideal der Peregrinatio, wie es zuerst von vielen irischen Mönchen und Glaubensboten, dann in ihrer Nachfolge von Angelsachsen gelebt wurde. Es war das Ideal, Christus dadurch radikal nachzufolgen, daß man sich von allen Bindungen an Heimat, Familie und Zuhause löste und in die Fremde zog. Es war zunächst ein rein asketisches Ideal; es bekam aber schon bei den Iren, etwa bei Kolumban um 590, einen missionarischen Sinn: sich von der Heimat lösen, um fremden Völkern das Evangelium zu verkünden. Und das war von historisch folgenschwerer Bedeutung. Denn Mission als Aufbrechen zu fremdenVölkern war, anders als wir denken, im frühen Mittelalter zunächst einmal nicht ein selbstverständliches christliches Ideal. Das Wiederaufbrechen der universal-missionarischen Dimension des Christentums war vielmehr eine überraschende und neue Entwicklung. Denn das Christentum war drauf und dran, bei den bereits bekehrten Reichen und Stämmen zur Reichsreligion oder Stammesreligion zu werden. Es war das gentilreligiöse Verständnis: Jedes Volk hat seine Götter; die Kraft der Götter wurzelt im Boden; und wer anderswohin zieht, unterstellt sich anderen Göttern. Nun wurde im westlichen Christentum an zwei Stellen dieses gentilreligiöse Verständnis aufgebrochen und missionarisches Bewußtsein der Sendung für alle Völker neu geweckt: bei den Iren, vom Ideal ihrer "Peregrinatio" als radikaler Christusnachfolge her; und in Rom, von der universalen Verpflichtung des römischen Bischofs her, speziell seit Gregor dem Großen, der im Jahre 596 die Initiative zur Angelsachsenmission ergriff. Beides kommt gleichsam bei Bonifatius zusammen.
Nun ist sicher gentil-religiöses Denken in seiner spezifisch archaischen Form keine Versuchung für uns. Aber in der Form, daß einzelne Religionen nicht für alle Völker wahr oder falsch, sondern jeweils nützlich oder hilfreich für die einen, weniger hilfreich für die andern sind, ist es speziell im Rahmen der Postmoderne, die von allen universalen Wahrheitsansprüchen Abstand nimmt, und den “pluralistischen” Religionstheorien wieder ungeheuer aktuell. Es begegnet in der ganz selbstverständlich auch bei vielen Christen verbreiteten Vorstellung: Das Christentum ist die kulturell-religiose Tradition, aus der wir leben; andere leben, genau so glücklich, aus anderen Traditionen. Mission in dem Sinne, andere, wenn auch noch so behutsam, von der eigenen Wahrheit zu überzeugen, gilt dann schon als sublimer Imperialismus. Nur ist eben Mission keine Zugabe der christlichen Kirche. Christentum gibt es nur, weil es Mission gibt; sonst wäre es beim Judentum geblieben, wiederum einmal abgeshen davon, daß dieses selbst in der Zeit Jesu missionarischer war, öals uns meist newußt ist. Mission als Sendung zu allen Völkern, und dies in der Sendung des auferstandenen Christus gründend, ist Seinsgrund des Christentums überhaupt. Aber die Geschichte zeigt, daß diese missionarische Dimension immer wieder neu entdeckt und gegen die Versuchung gentil-religiöser Selbstgenügsamkeit erkämpft werden mußte. Diese missionarische Dimension hat wiederum, wie schon im Frühmittelalter und besonders bei Bonifatius, zwei wesentliche Wurzeln und Angelpunkte: eine spirituelle und eine institutionelle. Es ist die radikale Christusnachfolge und die universalkirchliche Einheit, verkörpert im römischen Bischof als Zentrum dieser Einheit. Wo der Sinn für beides schwindet, schwindet auch der sinn für Mission.
2. Tradition gegen allzuleichte Anpassung: Bonifatius sagt uns die auch heute bitter notwendige Wahrheit, daß bei dem Schritt der Kirche zu neuen Völkern oder überhaupt bei geschichtlichen Übergangsprozessen die Devise nicht einfach Anpassung sein kann. Eine solche Anpassung kann sich als ein sehr gefährlicher Irrweg erweisen und das Salz des Christentums schal machen. Denn Bonifatius hatte es mit einer Kirche zu tun, die sich in erschreckender Weise an die Lebenswelt und die Moralvorstellungen des germanischen Kriegsadels angepasst hatte, in welcher Anpassung an das Germanische auf Kosten der christlichen Substanz gegangen war. Ein Großteil der Probleme der "Verweltlichung" des Klerus, mit denen Bonifatius zu kämpfen hatte, hängt zusammen mit der Germanisierung des Christentums, der Anpassung an die Normen und Wertmaßstäbe des germanischen Kriegsadels. Von dem Moment an, wo dieser germanische Kriegsadel in den Besitz der Bischofsstühle kommt, wo in den Bischofslisten von Köln, Trier oder Straßburg nicht mehr lateinische, sonder germanische Namen auftauchen - und das ist meist um 600 der Fall - leben diese Bischöfe auch wie Herren ihres Standes. Und von dem Moment an häufen sich die Klagen, daß die Bischöfe der Jagd ergeben sind und selber in den Krieg ziehen. Dies gehört aber einfach zum Adel hinzu. Wir haben zur Zeit von Bonifatius das Beispiel des Bischofs Gewilib von Mainz, der Blutrache übte, indem er auf einem Sachsenfeldzug den Mörder seines Vaters und Vorgängers auf dem Mainzer Bischofsstuhl unter dem Schein einer Unterredung zu sich herbeilockte und dann umbrachte. Dieser Bischof wurde zum Schluß auf Betreiben von Bonifatius auf einer Synode abgesetzt - nur dadurch wurde ja Bonifatius 745 Bischof von Mainz; ursprünglich war er für Köln vorgesehen. Aber dieser Gewilib war kein Unmensch. Bezeichnend ist, daß er in der Mainzer Überlieferung, die doch sicher eher Bonifatius als Heiligen aufwertet, in positiver Erinnerung blieb, so daß noch zwei Bonifatiusviten aus dem 11. Jahrhundert ihn entschuldigen und Verständnis für ihn zu wecken suchen. Er hatte im Grunde nur das getan, was ihm als einem Mann von Adel seine Ehre gebot. Ihm das zu verbieten, war wie wenn man heute einem Bischof verbieten würde, Prozesse vor staatlichen Gerichten zu führen. Wer sich entrüstete, waren Bonifatius und seine angelsächsischen Begleiter.
Im konkreten historischen Kontext der jeweiligen Zeitumstände sehen “Skandale” oft viel harmloser aus, ja lassen sich legitimieren und entschuldigen. Der Historiker kann sich nicht davon dispensieren, die Dinge auch aus dieser Warte zu beleuchten und zu verstehen zu versuchen. Die Frage ist nur, ob diese historische “Bodenperspektive” die einzige und letzte sein muß. Eine Kirche, die sich an die gängigen Zeitvorstellungen anpaßt, mag zwar in ihre Zeit “passen”, muß sich jedoch oft später sagen lassen, daß sie in erschreckender Weise blind gewesen ist. Vielleicht ist ein solches Urteil manchmal “unhistorisch” und in vielem ungerecht (wie so viele nachträgliche Urteile über das Verhalten von Kirche und Katholiken in der NS-Zeit und speztiell im Jahre 1933), aber doch, wenn man nicht ganz im historischen Moment und seinen Augenblicksbedingungen vergeht, nicht ganz ohne Berechtigung.
Mehr noch: Richtig verstandene christliche "Inkulturation", also Einpflanzung des Christentums gerade in seinem unterscheidenden Charakter gelingt dort nicht, wo "Inkulturation" in recto als Ziel intendiert wird. Überall, wo dies so direkt versucht worden ist und wird, war und ist das Ergebnis entweder Häresie, wo es um die Lehre geht, oder moralische Verirrung, in jedem Fall Verkürzung des Christlichen. "Inkulturation" in richtigem Sinne - die übrigens eine sehr langsam wachsende und reifende Pflanze ist - gelingt nur, wo man in recto einfach Christentum und christliches Leben intendiert und sich in die christliche Tradition einfügt, und dies natürlich als Mensch seiner Zeit, seiner Kultur und seines Volkes.
Und in diesem Kontext steht auch die Rombindung des Bonfatius. Sie hat sicher ihre uns sehr fremden Begleitvorstellungen. Aber, was sie vielleicht gerade als Korrektiv einer heute oft allzu personenfixierten Papstbiundung wichtig erschienne läßt, sie ist gar nicht auf die Person der Päpste konzentriert. Sie ist objektiver. Und gewiß haben auch nicht alle Päpste die Situation, in der sich Bonifatius befand, verstanden. Sein erster Papst, Gregor II. (715-31), ein Römer, der klar erkannte, daß die Zukunft der Kirche im Westen und bei den Germanen lag, war wohl der weitsichtigste und flexibelste. Der Nachfolger Gregor III. (von Abstammung Syrer, 731-41) konnte sich schon schwerer in die germanischen Wälder hineindenken. Dies gilt recht für Zacharias (745-51), einen Griechen, der im Grunde nur imstande war zu sagen: So ist das kirchliche Recht, und so muß es sein. Anderseits entsprach das ja auch wieder dem, was Bonifatius von den Päpsten erwartete: Zeugnis geben von der römischen Tradition. Rom ist für Bonifatius vor allem der Punkt, wo die Kirche mit ihrem apostolischen Ursprung verbunden ist. Und wo es darum ging, eine verweltlichte, mit dem Heidentum vermischte Kirche wieder in Ordnung zu bringen, da konnte dies für ihn nur im engsten Anschluß an jene Instanz geschehen, die die Tradition verkörpert, an Rom. Deshalb läßt er sich von den Päpsten die Sendung geben, läßt sich in Rom zum Bischof weihen. Nicht weil er dies aus praktischen Gründen brauchte: für die Effizienz ist die Beziehung zur fränkischen Staatsgewalt wesentlich wichtiger, denn regiert wird die fränkische Kirche nicht von Rom, sondern vom König, bzw. vom Hausmeier. Nicht also aus praktischen Gründen, sondern weil er dem Zentrum der christlichen Einheit besonders nahe sein will und weil er sein Apostolat aus der Mitte dieser Einheit erfüllen will; dann ist er wirklich "von Petrus gesandt".
3. Verbindlichkeit gegen Auswahlchristentum: Der christlich-heidnische Synkretismus der Zeitgenossen des Bonifatius, die meinten, Christus und gleichzeitig Donar oder Wotan dienen zu können, mag in dieser Weise nicht unsere Versuchung sein, ist jedoch in gewandelter Gestalt wieder erschreckend modern, nämlich in der verbreiteten Tendenz, sich aus beliebigen Versatzstücken seinen “persönlichen” Glauben zusammenzusetzen, wobei letztlich das einzige Kriterium das ist, was mir subjektiv “Lebenshilfe” bietet. Oder wenn damals die Taufe zu einer magischen Segens- und Zauberformel wurde, zu allem brauchbar, losgelöst von ihrem kirchlichen Kontext, dann gibt es heute, im evangelischen Bereich freilich viel mehr, aber auch vereinzelt unter katholischen Priestern, die Meinung, im Sinne einer unbegrenzten Gastfreundschaft die Eucharistie Allen spenden zu können, auch Nichtchristen, auch solchen, die nicht getauft sind. Diese Tendenz ist zumal unter solchen, die nur noch lockere Kirchenbindung haben, sehr verbreitet und entspringt einer vagen Religiosität, wo es alle möglichen Riten, heilige Zeichen und Formen des Segens gibt, letzten Endes alles nützlich, im Sinne unbegrenzter Offenheit Allen angeboten, aber alles beliebig. Damit zusammen hängt die Tendenz, christliche Riten wie Taufe, Erstkommunion, Firmung und Ehe als numinos-sakrale Ausschmückung von Lebenswenden oder als allgemeine Segenszusagen haben zu wollen, ohne damit sich in eine christliche kontinuierliche Lebenspraxis einzubinden. Das Problem war auch zur Zeit von Bonifatius, daß christliche Riten gerne und bereitwillig übernommen wurden, unverstanden schon wegen der lateinischen Sprache, die jedoch häufig die Priester selbst nicht verstanden oder verballhornten, aber gerade wegen ihrer Exotik umso faszinierender und anziehender, und dies zusätzlich zu heidnischen Gebräuchen, daß Christentum als ein Sammelsurium von magischen Praktiken übernommen wurde. Bonifatius und die Reformer mit ihm forderten hier einmal ein Minimum an Lehrunterweisung und Katechese, dann stellten sie gewisse Minimalforderungen christlicher Lebenspraxis auf. - Und so radikal unterschiedlich auch die damalige Situation von der heutigen ist, gemeinsame Einsicht bleibt: Christlicher Glaube bildet ein Ganzes, nicht durch uns willkürlich zusammensetzbar, sondern auf Offenbarung durch Christus beruhend und durch die Kirche überliefert, und seine Einzelteile sind ohne dieses Ganze weder zu haben noch sinnvoll.
4. Gleichgewicht von kirchlicher Struktur und geistlichen Zentren: Es gab gerade zur Zeit des Bonifatius einen massiven Trend der "Privatisierung" des Kirchlichen. Dies war das Eigenkirchenwesen. Denn die altkirchliche Gemeindestruktur, die im Bischof ihren Mittelpunkt hatte, war an eine damals schon vergangene politisch-soziale Ordnung gebunden. Dies war die antike hellenistisch-römische Stadtkultur. Der Bischof war der Seelsorger der Stadt; kirchliche Öffentlichkeit, u.a. sichtbar in den Bischofswahlen, spielte sich in der Öffentlichkeit der Stadt ab, welche den primären Lebensraum für den antiken Menschen bildete. Das Land war hier eher Zubehör; es war auch kirchlich unzureichend erfaßt.
Und auf den Wandel, der nun geschah, war die kirchliche Organisation unzureichend oder gar nicht vorbereitet. Die Städte verfielen, wurden immer kleiner, und gleichzeitig wurde das Land immer mehr christianisiert; ja, rechts des Rheins wurden weite Gebiete christianisiert, die nie zum Römischen Reich gehört hatten und keine Städte, daher auch keine bischöfliche Organisation kannten. Hier bildete sich nun das Eigenkirchenwesen als "Religion in Privatregie". D.h. adlige Grundherren gründeten "ihre" Kirche, stellten "ihren" Priester an, der ihnen praktisch völlig unterstand (nicht selten war er auch ihr Sklave oder Leibeigener); und die Erwartung war, daß dieser Priester ihren religiösen Bedürfnissen zur Verfügung stand, ihnen göttlichen Segen und Heil verbürgte. Die ganze Entwicklung in den Sakramenten, z.B. in der Taufspendung, der Buße und in der Meßfeier, geht damals in die Richtung der Privatisierung dessen, was einmal öffentlicher Gemeindevollzug war, und zwar wesentlich auch deshalb, weil die altkirchliche Gemeinde in einer Welt, in der die Mehrzahl der Menschen nicht einmal in Dörfern lebte, sondern auf Einzelhöfen, gar nicht mehr realisierbar war. Gerade die irischen Glaubensboten waren diesen Bedürfnissen einer "Privatreligiosität" bis zu einem gewissen Grad entgegengekommen. Anderseits brachten sie von Irland eine neue Gestalt von Kirche mit, deren Mittelpunkt nicht mehr der Bischof, sondern das Kloster war. Sie zogen entweder wandernd umher, predigten überall, weihten auch Priester, die aber dann keinem Bischof fest unterstanden. Oder sie gründeten Klöster, residierten dann als Klosterbischof in einem Kloster, hatten jedoch weder eine fest umschriebene Diözese noch einen Klerus, der ihnen unterstand. Die Bedeutung von Bonifatius besteht nun darin, daß er, so zunächst in Bayern 739, dann auf dem "Concilium Germanicum" von 742, auch in den rechtsheinischen Gebieten Bistümer und kirchliche Organisation errichtete, und zwar Bistümer mit klar umschriebenen Grenzen, flächendeckend, die auch das Land umfaßten, denen ein Klerus fest zugeordnet war; von den heute noch existierenden Bistümern waren dies Würzburg und Eichstätt. Weiter war wichtig, daß er für feste Strukturen und kirchliche Ordnung oberhalb der Bistümer sorgte: d.h. für Metropolitanorganisation und vor allem für Synoden, die für ihn äußerst wichtig als Mittel der Kirchenreform waren. Anderseits sind auch für ihn Klöster wichtig: als geistliche Mittelpunkte und Kraftzentren, als Stätten der Bildung und Ausbildung. Er hat nicht nur Bistümer gegründet, sondern auch Klöster: die Männerklöster Amöneburg, Ohrdruf, Fritzlar, schließlich als Krönung Fulda, die Frauenklöster Tauberbischofsheim, Kitzingen und Ochsenfurt.
Und diese Doppelstruktur ist wohl in allen Epochen und auch heute für das Leben und das rechte Gedeihen der Kirche lebenswichtig: einerseits bischöflich-synodale Kirchenorganisation, anderseits geistliche Zentren oder geistliche Gemeinschaften. Die rechtliche Form, wie beides im Verhältnis zueinander steht, wandelt sich in erheblichem Maße im Laufe der Zeit; aber beides ist und bleibt für die Kirche wichtig. Ohne feste Struktur zerfällt das kirchliche Leben; ohne geistliche Zentren und lebendige Kommunitäten, ob Ordensgemeinschaften oder moderne geistliche Geimeinschaften, trocknet es aus. In beiden Fällen wird der Wildwuchs der Privatisierung des Religiösen gerade nicht aufgefangen, bzw. ödie berechtigten Bedürfnisse einer “persönlicheren” Religiosität gerade nicht integriert: Kirche präsentiert sich dann entweder als “geist-lose” Struktur oder als ungeordnete Bewegung.
5. Buch und Lesekultur: Was Bonifatius in Briefen an seine angelsächsischen Freunde und Bekannte - abgesehen von Gebetshilfe - immer wieder erbittet, was sein Lebenselixier bildet, sind Bücher. Denn damals sind die britischen Inseln der einzige Fleck des westlichen Europa, wo es geistige Tätigkeit gibt, wo abgeschrieben und Neues geschrieben wird - wir sind noch nicht in der Zeit Karls des Großen, wo auch im Frankenreich das geistige Erwachen beginnt und wieder Bücher geschrieben und abgeschrieben werden. Und am wichtigsten ist für ihn das Wort Gottes, die Heilige Schrift. "Wer die finsteren Winkel der Völker Germaniens durchziehen muss, würde in die Schlinge des Todes fallen, wenn er nicht als Leuchte für die Füße und als Licht auf seinen Wegen das Wort Gottes hätte" - so schreibt er um 735 an die Äbtissin Eadburg, der er für die empfangenen Bücher dankt.
Christliche Religion ist zumindest bei denen, die ihre verantwortlichen Tradenten sind, ob Priester oder Laien, auf Lesen und Lesekultur angewiesen. Die Tradierung des Christentums beruht auf bestimmten Bildungsvoraussetzungen; und die lassen sich nicht einfach auf Spezialisten abschieben, weil diese ja nicht nur die Aufgabe haben, Kenntnisse zu vermitteln, sondern kirchliches Bewußtsein zu prägen, und gerade diese Aufgabe nicht mehr erfüllen könnten, wenn sie nicht in einem größeren Medium des theologischen Interesses und der Lesekultur leben. Und es kann Zeiten geben, wo diese Bildungsvoraussetzungen nicht selbstverständlich sind, wo sie in der profanen Gesellschaft dahinschwinden und wo die Kirche selber sich diese Bildungsvoraussetzungen wieder neu schaffen muß, wie im Frühmittelalter und vielleicht in ganz anderer Weise heute. Die Anstrengung des Lesens, die Pflege einer Lesekultur, und weiter die Beschäftigung mit der Vergangenheit, mit ihren Zeugnissen, sind nicht nur kulturelle, sondern letzten Endes auch spirituelle Werte.
Es sind dies alles jnachdenklich machende Gedanken. Daß aber Bonifatius, auch wenn er sehr streng und genau sein konnte, nicht zuletzt in Dingen der Ehemoral, dennoch, hierin wieder echt katholisch, dennoch nicht einfach öein Verächter der guten Dinge des Lebens war, dafür haben wir auch ein rührendes Zeugnis. So schickt er einmal vom Rhein aus dem Bischof Ekbert von York zwei Weinfäßchen "mit der Bitte, euch davon mit Euren Brüdern einen fröhlichen Tag zu machen". Auch das gehört zu seiner Gestalt hinzu.
Briefe des Bonifatius. Willibalds Leben des Bonifatius, neu bearb. v. R. Rau (Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1968), 494.
Gregor der Große, Epistolae XI, 76 (PL 77, 1215-1217).
Br. 80 (Briefe des Bonifatius, 261).
Br. 63 (Briefe des Bonifatius, 191).
Br, 26 (Briefe des Bonifatius, 91 f.).
Br. 78 (Briefe des Bonifatius, 301).
So in der Wiedergabe seiner Anfragen durch Papst Gregor II.: Br. 26 (Briefe des hl. Bonifatius, 91).
Br. 87 (Briefe des Bonifatius, 299).
Beda der Ehrwürdige, Kirchengeschichte des englischen Volkes, übers. V. G. Spitzbart, Wissenschaftl. Buchgesellschaft Darmstadt 1997), I 27 II (S. 87).
Ebd. III 25 (S. 295).
Dazu bes.: R. Schieffer, “Redeamus ad fontes”. Rom als Ort authentischer Überlieferung im frühen Mittelalter , in: A. Angenendt / R. Schieffer, Roma - Caput et Fons. Zwei Vorträge über das päpstliche Rom zwischen Altertum und Mittelalter. Opladen 1989, 45-70; A. Angenendt, Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis 900. Stuttgart 1990, 456 f.; K. Schatz, Königliche Kirchenregierung und römische Petrus-Überlieferung im Kreise Karls des Großen, in: R. Berndt (Hsg.), Das Frankfurter Konzil von 794. Kristallisationspunkt karolingischer Kultur. Mainz 1997, 357-371.
Dazu immer noch lesenswert: E. Iserloh, Die Kontinuität des Christentums beim Übergang von der Antike zum Mittelalter im Lichte der Glaubensverkündigung des hl. Bonifatius: TrThZ 63 (1954), 193-205.
Br. 78 (Briefe des Bonifatius, 243).
Ebd. (251).
Ebd.
Dazu vor allem W. Fritze, Universalis gentium confessio. Formeln, Träger und Wege universalmissionarischen Denkens im 7. Jahrhundert, in: Frühmittelalterliche Studien 1969, 78-130.
E. Ewig, in: H. Jedin (Hsg.), Handbuch der Kirchengeschichte II/2. Herder 1975. 111.
W. Levison (Hsg.), Vitae Sancti Bonifatii (Scriptores Rerum Germanicarum 57). Hannnover-Leipzig 1905. 90-93. 154-157.
Br. 30 (Briefe des Bonfatius, 105).
Br. 91 (Briefe des Bonifatius, 313).