Männer – Skizze einer dreidimensionalen Biographie

Daniel Deckers

 

An einem strahlenden Februarmorgen des Jahres 2001 umarmen sich auf dem Petersplatz in Rom drei Männer. Die Geste erfolgt nicht aus freien Stücken, die Liturgie verlangt es so. Soeben haben die beiden jüngeren aus der Hand von Papst Johannes Paul II. die Insignien der Kardinalswürde empfangen. Nun entbieten sie jedem Mitglied des Kardinalskollegiums den Friedensgruß, auch jenem älteren, dem dritten im Bunde.

Was Karl Lehmann, Walter Kasper und Joseph Ratzinger in diesen Stunden empfingen, läßt sich nicht ergründen. Von außen scheint es, als würden die Lebensgeschichten der drei nach Temperament und Stil anscheinend grundverschiedenen Theologen in einer Einheit aufgehoben, die nur von außen gestiftet werden konnte. Oder aber verbindet die drei Deutschen, die drei Priester, die drei Dogmatiker, die drei Bischöfe doch mehr, als es oft genug den Anschein hatte?

Karl Lehmann, der jüngste der drei, wurde 1936 geboren. Der älteste, Joseph Ratzinger, war damals neun Jahre alt, Walter Kasper, der mittlere, ist gerade drei. Der Schatten von Nationalsozialismus und Krieg liegt über ihrer Kindheit und Jugend, der Glaube bietet Zuflucht und Halt. Alle drei erweisen sich als hochbegabten Gymnasiasten, alle drei wählen den Priesterberuf. In jungen Männern wie Ratzinger erkennt man bald eine „skeptische Generation“. Lehmann ist dafür zu jung.

Ratzinger, der Bayer, studiert in Freising und in München, Kasper, der Schwabe, in Tübingen und München. Lehmann, den Hohenzoller, wird nach drei Semestern in Freiburg nach Rom geschickt. An der Gregoriana kommt die Philosophie vor der Theologie, im Germanicum erscheint die romanità durchwirkt mit der Spiritualität der Jesuiten.

Drei Denkformen prägen sich in diesen Jahren aus. Ratzinger hält sich an die Heilige Schrift und die Kirchenväter, ist fasziniert von Augustinus und der Geschichtstheologie bei Bonaventura. Kasper hält es mit Thomas von Aquin, der Lehre von der Tradition in der Römischen Schule sowie Philosophie und Theologie der Geschichte bei Schelling. Geschichtstheologie interessiert ihn weniger als die Geschichtlichkeit des Glaubens. Lehmann bleibt, obwohl in Rom, der badisch-alemannischen Heimat treu und geht in die Schule Heideggers und Gadamers. Geschichtlichkeit hin, Theologie her, das Geheimnis Gottes will verstanden und angeeignet werden im Fragehorizont der Gegenwart.

Lehmann begegnet Ratzinger zum ersten Mal nicht in Deutschland, sondern in Rom. Der ältere war schon Professor für Fundamentaltheologie und ist 1962 ein veritabler Konzilstheologie. Der Freiburger Germaniker gilt als „Kopilot“ des Konzilstheologen Karl Rahner SJ und macht an dessen Seite seine Beobachtungen. Der von Dialog geprägte „Geist des Konzils“ ist für Lehmann zeitlebens keine leere Formel, sondern prägendes Erleben.

Auch Walter Kasper wird schon in jungen Jahren Professor. Der erste Ruf führt ihn auf einen Lehrstuhl für Dogmatik nach Münster. Dort lernt ihn Lehmann, Rahners Assistent, im Frühjahr 1967 kennen. Übers Jahr erhält Lehmann, in Philosophie wie in Theologie promoviert, einen Ruf auf einen Dogmatik-Lehrstuhl in Mainz. Nur in diesem Sinn ist er ein Achtundsechziger.

Als Berater der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz
treffen die drei Dogmatiker Ratzinger (42), Lehmann (33) und
Kasper (36) schon bald erstmals auf Augenhöhe aufeinander.
Doch friedlich bleibt es nicht lange. Kasper rezensiert Ratzingers „
Einführung in das Christentum“. Es kommt zu einer scharfen
Erwiderung Ratzingers, auf die Kasper eine Entgegnung formuliert,
die Ratzinger wiederum nicht unkommentiert läßt. Lehmann ist
öffentlicher Streit schon damals zuwider.

Nach mehrjähriger Vorarbeit beginnt 1971 die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland. Während der konstituierenden Sitzung unterliegt Ratzinger bei der Wahl der Zentralkommission. seinem Sitznachbarn im Würzburger Kiliansdom namens Rahner. Wenige Monate später verläßt Ratzinger die Synode und verweist auf seine wissenschaftlichen Verpflichtungen. Professor Lehmann übt sich um so überzeugter im Spagat. Nicht als Delegierter der Bischofskonferenz, sondern als Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) hatte Lehmann das „deutsche Konzil“ mit vorbereitet. Bald nennt man ihn „Mister Synode“. Ratzinger beobachtet das Geschehen nicht nur äußerlich aus großer Distanz. In der letzten Phase stößt auch Professor Kasper zu den Synodalen.

1974 beruft Papst Paul VI. Joseph Ratzinger (wie auch Hans Urs von Balthasar) für eine zweite Periode in die Internationale Theologenkommission. Neu in dem Gremium ist Professor Lehmann. Drei arbeitsreiche Jahre gehören sie der Theologenkommission gemeinsam an. Im Mai 1977 wird Ratzinger als erster der drei zum Bischof geweiht. Er tritt an die Spitze seiner Heimatdiözese München und Freising. Als Walter Kasper 1980 in die Theologenkommission berufen wird, sind zwei der drei erstmals in Rom zusammen. Der dritte im Bunde läßt nicht lange auf sich warten. Als neuer Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre ist Ratzinger, nunmehr Kardinal, von 1981 an Präsident der Internationalen Theologenkommission. Wieder trennen sich nach kurzer Zeit die Wege. Lehmann scheidet 1983 aus dem Gremium aus. Er wird Bischof von Mainz. Kasper muß sich noch bis 1989 gedulden, ehe der Stuhl des Bischofs von Rottenburg-Stuttgart frei wird.

Drei Theologen, drei Temperamente, drei Denkformen – der Bayer, der Schwabe und der Hohenzoller tun sich weiterhin nicht leicht miteinander. Selten spannen sie zusammen, manchmal stehen zwei gegen einen, hin und wieder ist jeder alleine.

Etwa so: Dem Tübinger Fundamentaltheologen Hans Küng, einem Germaniker wie Lehmann, hatte die Glaubenskongregation nach langem Zögern 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Alle drei, Kasper, Lehmann wie auch Ratzinger, waren zuvor immer wieder mit dem Fall Küng befaßt gewesen. 1976 etwa prangten auf dem Titel des Buches „Diskussion über Hans Küngs ,Christ sein`“ unter anderen die Namen Walter Kasper, Karl Lehmann und Joseph Ratzinger. Gemeinsame Sache mit Küng macht keiner der drei.

Oder so: Karl Lehmann war 1971 von Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger in das Herausgebergremium der deutschsprachigen Ausgabe der Zeitschrift „Communio“ berufen worden. Die neue Zeitschrift sollte „Concilium“ Konkurrenz machen, dem Sprachrohr der „Progressiven“ (wie Ratzinger es sah). Zu jenen mußte wohl auch Walter Kasper gezählt werden. Der Tübinger Dogmatiker hielt noch lange zu „Concilium“ und wurde sogar Mitherausgeber. Lehmann hingegen veröffentlicht seit 1972 nicht mehr in „Concilium“. Bis heute ist hält er „Communio“ die Treue.
Oder so: Im August 1993 veröffentlichen der Freiburger Erzbischof Saier sowie die Bischöfe Kasper (Rottenburg-Stuttgart) und Lehmann (Mainz; seit sechs Jahren auch Lehmann ist schon seit zwei Jahren Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz) ein „Gemeinsames Hirtenschreiben zur Pastoral mit Geschiedenen und Wiederverheirateten Geschiedenen in der Oberrheinischen Kirchenprovinz“. Ein Jahr später werden ihre Überlegungen, wiederverheiratet Geschiedene unter bestimmten Bedingungen wieder zur Eucharistie zuzulassen, von Ratzingers Kongregation für die Glaubenslehre als unvereinbar mit der Lehre der Kirche zurückgewiesen.

Oder so: Im Streit über die Beteiligung der katholischen Kirche in
Deutschland an der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung stellt
das von Ratzinger mit Argumenten unterfütterte Ausstiegs-Verlangen
Papst Johannes Pauls II. die Deutsche Bischofskonferenz vor eine
Zerreißprobe. Bischof Kasper wird der Entscheidung enthoben,
ob er dem Papst gehorsam ist oder nicht.
Im Frühjahr 1999 beruft ihn Johannes Paul II. nach Rom und
macht ihn zu seinem engsten Mitarbeiter in Fragen der
Ökumene. Bischof Lehmann, Vorsitzender der Deutschen
Bischofskonferenz, beugt sich im Herbst desselben Jahres der
von Kardinal Ratzinger unterschriebenen Weisung des Papstes,
die Mitwirkung im gesetzlichen System der Schwangeren-
konfliktberatung aufzugeben.

Oder so: Kasper ist kaum in Rom angekommen, als öffentlich wird, daß er Ratzingers Deutung der „communio-Ekklesiologie“ des Zweiten Vatikanums mit dem Versuch einer „theologischen Restauration des römischen Zentralismus“ in Verbindung gebracht hat. Kaspers Einschätzung provoziert eine scharfe Erwiderung Ratzingers. Wieder entgegnet Kaspers, und Ratzinger reagiert abermals. Lehmann äußert sich nicht. Lehmann ist öffentlicher Streit noch immer zuwider. Erzbischof Giovanni Lajolo, der Apostolische Nuntius in Berlin, nennt ihn „einen Mann der communio“.

Wieder entscheidet der Papst. Am 21. Januar 2001 erhebt er Kurienbischof Walter Kasper in den Rang eines Kardinals. Eine Woche später widerfährt Bischof Lehmann aus bis heute nicht geklärten Gründen dieselbe Ehre.

Einen Monat später entbieten die drei Männer in Purpur einander im hellen Licht der römischen Februarsonne in Purpur den Friedensgruß. Viele Wege führen nach Rom.