Predigt von Pater von Gemmingen SJ anlässlich der Cartellversammlung in Frankfurt/M am 22. Mai 2009 – Hoffnung für die Kirche

Predigt bei der Rupert-Mayer-Gilde in Frankfurt am 22. Mai 2009
P. Eberhard v. Gemmingen SJ

Liebe Schwestern und Brüder in unserem Herrn
Wir stehen in der Novene zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Christus ist von uns gegangen, wir sind verwirrt und ängstlich. Und wir wissen nicht, wie lange es dauert, bis der von Jesus versprochene Heilige Geist auf uns herabkommen wird. Wird er überhaupt kommen, wann wird er kommen, was kann er ausrichten gegen eine Welt, die von Gott nichts wissen will, in der nur Macht, Geld und Egoismus zählen? So die Lage der elf Apostel. Ist das nicht auch die Lage von Millionen Getaufter in Europa heute? Der Herr scheint sein ehemals bevorzugtes Europa verlassen zu haben. Jesus, mit dem wir Jahrhunderte lang gleichsam auf Du zu Du gelebt haben, ist fort gegangen. Wir haben nur noch die Spuren seiner ehemaligen Präsenz: die Dome, die Klöster, die Wegkreuze, die Bergkreuze, die Literatur und Musik, die von ihm spricht. War Jesus zu sehr enttäuscht von Europa, das seine Stunde nicht erkannt hat? Haben wir ihn zu oft verraten?
Jesus ist fort. In den Himmel – oder wo immer hin – verschwunden. In den Himmel aufgenommen – heißt es in unseren Katechismen und theologischen Büchern. Aber wer kann dies glauben? Wir – die verscheuchten Jünger – sitzen verwirrt und niedergeschlagen in dem Saal, in dem Jesus uns seinen Leib und sein Blut als Speise gegeben hat. Wir wissen nicht auf was und wie lange wir warten müssen. Wir haben sicherheitshalber die Türen verriegelt, denn draußen die Menschen haben unser Idol Jesus aufgehängt. Wann kommen sie und hängen uns auf. Sicher ist sicher. Die Riegel sind vor. Fromme Frauen, die sich nicht verkriechen können, stellen manchmal Töpfe mit Essen und Trinken ans Fenster, damit wir nicht verhungern. Auch wir Christen in Europa müssen uns einschließen, denn die Menschen draußen wollen uns nicht gut. Sie verehren fremde Götter, fallen vor ihnen nieder, haben neue Kulte. Die Utopie Jesus ist nur lächerlich, Stoff für pseudohistorische Romane. Wir wissen nicht, wie lange sie noch Jesus-Anhänger in ihrer Mitte ertragen. Besser ist Sicherheit.
Aber nicht nur draußen ist Gefahr. Auch wir verschrecktes Häuflein hinter den Mauern – wir sind ja uneins, wir sind gespalten, wir streiten uns. Petrus unser Chef in Rom macht uns Sorgen. Oft verstehen wir ihn nicht. Er scheint uns nicht zu verstehen. Er scheint in seiner eigenen Welt zu leben. Und auch unter uns ehemaligen Jesus-Anhängern gibt es zu viele Diskussionen. Ob der versprochene Geist jemals kommen wird, ob jemals ein Durchbruch sein wird durch die Mauern, ob wir jemals wieder zu den früheren Erfolgen zurückkehren können, die Tore aufreißen werden.
Wir können nur rufen: Veni sancte spiritus, veni sancte spiritus, veni sancte spiritus. Komm heiliger Geist.
Was sagt uns der Heilige Geist?
Der heilige Geist stellt uns Fragen: seid ihr so sicher, dass Jesus sich wirklich von Euch, gar von ganz Europa zurückgezogen hat? Habt Ihr von Jesus vielleicht ein falsches Bild? Täuscht ihr Euch so in Jesus wie die Jünger sich am See Genesareth in dem Mann am Ufer täuschten, als Jesus am Ufer stand und nur der Liebesjünger Johannes ihn erkannte? Täuscht ihr euch so wie Maria von Magdala sich täuschte, als sie in dem Gärtner nicht Jesus erkannte – oder wie die Emmausjünger in dem Fremden nicht Jesus sahen? Ist Jesus so aus Europa verschwunden wie Ihr meint? Ist Jesus nicht unsichtbar unter den Menschen anwesend, unter den Menschen hier in Frankfurt? Ist er nicht genau auch anwesend in denen, die von Jesus keine Ahnung haben, ja die ihn vielleicht sogar ablehnen.
Also tatsächlich: Wir leben in Europa wirklich in einer Situation, die den traurigen Tagen nach Christi Himmelfahrt und vor Pfingsten ähnelt. Jesus und sein Gott scheinen weit weg, vertrieben, geflohen. Und kein Mensch scheint ihn zu vermissen. Nur ganz wenige fragen: wo ist denn Gott? Wie kann man einen Gott finden? Viele spüren ein gewisses metaphysisches Defizit und machen sich Götter: Gesundheit, Erfolg, Schönheit – oder eben importierte Götter.
Und tatsächlich: Die verbliebenen Jesus-Anhänger diskutieren und streiten viel, sind verwirrt, jeder weiß den besseren Weg. Einige haben sicher die Lösung gefunden: alle Schuld für den Auszug Gottes ist das 2. Vatikanum, die Kirche ist auf dem Irrweg, der Papst muss sich bekehren. Andere sagen: die Kirche muss endlich heutig werden: Wir brauchen Priesterinnen, Frauen haben ein Recht am Altar, wir brauchen verheiratete Priester, wir brauchen ganz andere Bischöfe, Bischöfe, die endlich den Mut haben, in Rom zu protestieren, wir brauchen vor allem Kircheneinheit, die Spaltung ist überholt, alle Christen haben das gleiche Credo, wir müssen viele alte Zöpfe abschneiden.
Andere ziehen sich aus dem Kirchengetümmel zurück, hassen die Diskussionen, gehen in Klöster, werden Mönche und Nonnen, verabscheuen Laienzusammenschlüsse, Einmischung in Politik.
Da wenden sich junge Christen ab mit Grausen. Eine solche Kirche kann wohl nicht die Lösung sein.
Was ist die Lösung?
In etwa einer Woche ist Pfingsten. Die Lösung ist natürlich der Glaube an den Heiligen Geist. Dass der Geist uns auch heute lehrt, was wir tun sollen. Damals gab es auch die Kirchendiskussion, ob denn die Heiden sich beschneiden lassen müssen, wenn sie Christen werden wollen. Harte Auseinandersetzungen wie heute. Der Geist hat gelehrt. Also es gilt: hören auf den Geist.
Da ich auch nur auf die Eingebungen des Geistes warten und hören muss, möchte ich nur zeigen, wo Sackgassen sind, die vermutlich nicht weiterführen:
Sackgasse eins ist: Alleinvertretungsanspruch: Wer meint, er selbst habe die Lösung gefunden, und nicht auf andere hört, führt sicher in eine Sackgasse. Beispiel: die Pius-Bruderschaft muss davon ausgehen, dass auch Rom nicht alles falsch macht und dass auch in Rom der Geist weht.
Sackgasse zwei: Weltflucht: Christen dürfen sich nicht aus der Welt, der Politik, der Wirtschaft zurückziehen. Auch wenn das mühsam ist, es ist notwendig, es ist christlich, es ist sogar erfolgversprechend. Christi Wahrheit wird gesucht und gebraucht.
Sackgasse drei: Der ausschließliche Blick auf den eigenen Teller: In andren Ländern haben Christen und Nichtchristen völlig andere Fragen, Sorgen, Aufgaben. Wer Hunger hat, wer krank ist, wer im Bürgerkrieg lebt, hat keine Zeit für Lefebvre-Fragen, für Karfreitagsfürbitte, für Tridentinische Messe. Schön, dass wir Zeit dafür haben, aber vergessen wir nicht, dass es größere Probleme gibt.
Sackgasse vier: Sich allein auf die eigene, bevorzugte Zeitung zu verlassen. Die meisten Blätter haben geschrieben: Papst rehabilitiert Holocaust-Leugner. Dieser Satz war immer falsch. Fast alle Menschen in Mitteleuropa haben die Möglichkeit, sich umfassend und korrekt zu informieren. Christen haben die Pflicht dazu und dürfen Thesen nicht glauben, die unwahrscheinlich ist. Zeitungsglaube kann Aberglaube werden.
Sackgasse fünf: Die Meinung, sich ein definitives Urteil über Personen und Einrichtungen bilden zu können. – Als ich dies schrieb, sind mir zwei Fälle eingefallen. Ich dachte zunächst, dass sich manche Katholiken in Deutschland ein definitives negatives Bild von Papst Ratzinger gemacht haben und dass sie sich dann und wann vergewissern müssen, ob ihr Bild immer noch richtig ist. Und ich dachte an Pater Rupert Mayer, der sich bald ein definitives Bild von Adolf Hitler uns seiner Ideologie gemacht und sie abgelehnt hat. In seltenen Fällen dürfen sich gute Christen ein definitives Bild machen – wie Rupert Mayer. Aber ich warne davor, sich ein definitives Bild etwa vom gelebten Islam und Judentum, von den Palästinensern, von israelischen Regierungen etc zu machen. Plötzlich sind sie doch anders als man dachte.
Sackgasse sechs: Angst. Wer Angst hat, schließt sich ein, hat keine Hoffnung, vertraut nicht, spricht nicht mit Anderen. Hier gilt das Wort von Papst Johannes-Paul II.: Habt keine Angst, reißt die Tore weit auf für Christus.
In diesen Tagen vor Pfingsten heißt das für uns: Reißt die Tore weit auf für den Heiligen Geist. Glaubt, dass Jesus auch heute Euch und Europa nicht verlassen hat. Dass er bei Euch, unter euch ist, dass er unsichtbar da ist. Immer und überall. Je weniger er wahrgenommen wird, umso mehr ist er da. Rechnet mit ihm, begegnet ihm, findet ihn in den nächsten Menschen, die ihr begegnet.
Manchmal haben wir ja den Eindruck, dass wir selbst als kleine einfache Menschen ohnehin machtlos sind gegen den Trend der Zeit, gegen die Mächte in den Höhen, die die Welt negativ bestimmen.
Daher möchte ich schließen mit einem kurzen Blick auf drei Persönlichkeiten der europäischen Geschichte, die Europa ganz wesentlich geprägt haben, obwohl sie weder politische, noch wirtschaftliche Macht hatten. Die drei Persönlichkeiten haben nur Gott gesucht, nur ihr Verhältnis mit Gott in Ordnung bringen wollen, haben sich dazu lange zum Gebet in Höhlen zurückgezogen – und doch unsere Welt wesentlich geprägt.
Der erste ist der heilige Benedikt: er zog sich in Weltflucht in eine unzugängliche Höhle in der Nähe von Rom zurück und suchte Gott. Hirten fanden ihn, nährten ihn. Er musste – ob er wollte oder nicht – raus aus der Höhle, Klöster gründen, eine Regel aufstellen: mit Ora et labora hat er Grundlagen europäischer Kultur geschaffen. Gebildete Asiaten verstehen vielleicht besser als wir, wie wesentlich Benedikt für das ist, was noch heute Europa ausmacht. Franz von Assisi hat nicht nur in Italiens Städtchen wie Jesus das Reich Gottes gepredigt und mit dem Sultan über Frieden gesprochen, sondern auch tagelang in Höhen gebetet. Er hat die Kirche des Mittelalters wesentlich auf den Weg Christi zurückgeführt.
Ignatius von Loyola hat wochenlang in der Höhle bei Manresa mit Gott gerungen und gegen Selbstmord gekämpft, hat sich dann der Mühe unterzogen, Einzelpersonen die Exerzitien zu geben und durch seine Schulgründungen die Reform der modernen katholischen Kirche in Gang gebracht. Auch ihm ging es wie den beiden Vorgängern nur um das richtige Verhältnis zu Gott, mit Gott ins Reine kommen. Das ist es – was die Welt prägt und verändert. Daran können wir alle mitwirken.
Und das, was Papst Benedikt umtreibt, ist die Sorge, dass die Frage nach Gott verdunstet. Verdunstet die Suche nach Gott? Veni Sancte Spiritus.
Geschrieben in Jerusalem am 13. Mai 2009