Predigtgedanken zur Zeit anlässlich des 60jährigen Jubiläums der v. Ketteler Gilde

27.10.2009: Kapelle des Ignatiushauses Frankfurt am Main

Jer 31, 31-34/Lk 22, 14-23

Liebe Freundinnen, liebe Freunde in der von Ketteler Gilde,
liebe Schwestern und Brüder!
Ein kleines Geständnis zu Beginn: Zur Vorbereitung dieser Ansprache habe ich „gegoogelt“ unter den Stichworten „Gelöbnis“ und „Versprechen“: Unter „Gelöbnis“ stieß ich auf viele Seiten mit dem Inhalt „Feierliches Gelöbnis“ der Rekruten bei der Bundeswehr – das vor allem. Und Wikepedia vermerkt: „Gelöbnis“ sei ein ernstes Versprechen – so bei Beamten oder bei Soldaten der Bundeswehr. Dass es eine solche Institution auch im religiösen Kontext gibt, konnte ich auf den ersten Seiten jedenfalls nicht entdecken.
Doch die Heilige Schrift durchzieht die Sache, die gemeint ist, wie ein roter Faden. Wenn wir nur an den zentralen Begriff des Bundes denken, werden wir gleich mit auf den Weg Gottes zuerst mit seinem Volk Israel und im Neuen Bund mit der Kirche aus Juden und Heiden geführt. Ja – Gott ist es, der stets zuerst die Initiative ergreift und seinem Volk Treue, Bestand und Beistand verspricht. Im Wort „Bund? versammelt sich die tragende Vorstellung der Heiligen Schrift vom Verhältnis Gottes zu seinem Volk, wie vom Verhältnis Gottes zu einzelnen Menschen – denken wir etwa an Noah, Abraham oder Moses. Im Bund sagt Gott seine Nähe, seinen Beistand und befreiendes Wirken, seine Treue, verbindlich zu.
Die Theologie hat, um die Eigenart eines Bundesschlusses, eines Gelöbnisses, eines Versprechens zu charakterisieren, bei der modernen Sprachphilosophie eine Anleihe genommen: Diese spricht in diesem Zusammenhang von einem „performativen Akt?. Was damit gemeint ist, gibt der Titel des einschlägigen Werkes von John L. Austin wieder: How to do things with words. Die deutsche Ausgabe trägt den Titel „Zur Theorie der Sprechakte?, doch der ist leider weniger aussagekräftig wie der Originaltitel: Wer einen Bund schließt, ein Gelöbnis ablegt oder ein Versprechen gibt, der teilt nicht nur etwas mit, der schafft damit vielmehr eine neue Wirklichkeit, der setzt etwas ins Werk. Ihnen ist sicher noch ihr Eheversprechen in Erinnerung. Sie haben damals vor dem Standesbeamten und später dann vor dem Priester und der ganzen Gemeinde nicht nur die Anwesenden darüber informiert, das hier ist meine Frau bzw. das hier ist mein Mann. Nein – sie haben damals mit ihrem Ja-Wort einen Bund geschlossen, der sowohl staatlich wie kirchlich unter anderem auch bestimmte Rechtsfolgen hatte.
Das hat in Israel bereits ein markantes Vorbild: Die Zehn Gebote, die Moses von Gott am Sinai empfängt, sind die Bundesurkunde Israels. Auf Gottes verlässliche Zuwendung zu seinem Volk soll dieses mit der Beobachtung der Zehn Gebote antworten. Das Ja des Volkes zum Bund zeigt sich in der Treue zur Bundesurkunde.
Liebe Schwestern, liebe Brüder. Wir wissen alle, dass das Volk des Alten wie auch das den Neuen Bundes immer wieder untreu, wortbrüchig geworden ist. Wir Menschen verlieren so leicht aus dem Blick, dass Gott sich uns zuwendet und verspricht. Wir wenden uns ab, werden vergesslich … Ich sehe den Sinn von Gelöbnissen und Versprechen bei uns Christen vor allem darin, dass wir uns dabei zuerst und vor allem an Gottes gnädige und treue Zuwendung erinnern sollten. Und wenn dieses gläubige Gedächtnis wach ist, dann wird unser Versprechen zuerst und vor allem zu einem Akt der Dankbarkeit für Gottes unverbrüchliche Treue – noch vor allen Verpflichtungen, die wir durch unser Versprechen eingehen.
Es ist kein Zufall, dass der geeignete Ort für Versprechen dieser Art, die Eucharistiefeier ist. Sie erinnert uns an das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern, mit dem er einen neuen und ewigen Bund mit uns geschlossen hat, den er dann mit seinem eigenen Leben besiegelte. „Blut des neuen und ewigen Bundes, für euch und für alle vergossen zur Vergebung der Sünden.?
Feiern wir, liebe Schwestern und Brüder, in diesem Sinne diesen Abend, an dem wir ein neues Mitglied in unsere Gilde aufnehmen. Danken wir Gott, dass er uns als Getaufte berufen hat, in vielfältiger Weise an seinem Werk mitbauen zu dürfen und bitten wir um seinen Segen dazu. Amen
1. Die Knappheit der Zeit – vorherrschende Erfahrung

Die nahezu alltägliche Erfahrung, dass die Zeit knapp und damit kostbar ist, bleibt nicht auf ein bestimmtes Lebensalter beschränkt, sondern gehört zur z.T. leidvollen Erfahrung vieler Menschen. Schon in der Hl. Schrift hat diese Erfahrung ihren Niederschlag gefunden. “Die Zeit ist knapp bemessen” (1 Kor 7,29) oder “Es ist die letzte Stunde” (1 Joh 2,18). Übrigens: An keiner Stelle spricht die Bibel von der noch langen Zeit. Den Tenor der verschiedenen Aussagen zur Zeit trifft Paulus in Röm 11,13ff: “Die Stunde ist jetzt da, vom Schlafe aufzuwachen. Denn nun ist unser Heil viel näher als damals, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag hat sich genaht.”
In unseren modernen Gesellschaften ist längst alles dem Diktat der Zeit unterworfen. “Zeit ist Geld!” Die Produktionsabläufe in der Wirtschaft und anderen Bereichen des Lebens sind an Zeittakte gebunden, die in der Regel den in diesen Bereichen tätigen Menschen auch ihren Rhythmus aufzwingen. Die Erfahrung der Kürze der Zeit hat ihren vornehmlichen Grund im tatsächlichen oder selbst auferlegten oder vorgestellten Soll der zu bewältigenden Aufgaben. Es herrscht in der Regel eine Kluft zwischen Leistungssoll und Zeitraum, in dem dieses Soll zu erbringen ist.
Christlich gewendet drängt sich die Frage auf, ob ein Konstruktionsfehler in unserer Schöpfung vorliegt: Hat der Schöpfer uns Menschen zu wenig Zeit eingeräumt, um unsere Aufgaben angemessen erfüllen zu können? Oder laden wir uns zu viel auf? Es könnte ja sein, dass sein Wille für uns nicht ist, ständig unter Zeitdruck zu stehen. Vielleicht haben wir tatsächlich das Soll der uns übertragenen Aufgaben reichlich überspannt.
Ein weiterer Grund, warum wir die Zeit als kurz erfahren, liegt in der Tatsache begründet, dass sich die Zeit nicht anhalten und schon gar nicht das Rad der Geschichte zurückdrehen lässt. Diese physikalische Zeit ist ein ganz und gar unflexibles Element unseres Daseins. “Sie kann nicht wie Geld aufgehäuft oder wie Rohmaterial gelagert werden. Wir sind gezwungen, sie auszugeben, ob wir wollen oder nicht, und das zu einem festen Satz von 60 Sekunden pro Minute. Sie kann nicht wie eine Maschine ein- oder ausgeschaltet oder wie ein Mensch ersetzt werden. Sie ist unwiederbringlich.”1
Es gibt die Gelegenheit, den günstigen Augenblick zu ergreifen, weil sich diese günstige Gelegenheit so nie mehr oder wenigstens nicht so rasch wieder einstellt. Es gibt es nicht nur die leere physikalische Zeit als äußeres Zeitmaß, sondern auch die gefüllte Zeit, die uns günstige Augenblicke, Sternstunden und neue Möglichkeiten eröffnet, ohne dass wir das Sich-entbergen dieser Momente von uns aus planen könnten.

2. Gewährte Zeit
An einem Tag, an dem wir auf 60 Jahre unserer Gilde zurückschauen, ist dieses Dimension wichtig.
Was uns bedrängt, uns unter Umständen in Stress versetzt, ist unserem Bewusstsein in der Regel auch unmittelbar gegenwärtig. Wenn wir das Wort ´Zeit´ hören, denken wir – im Alltag wenigstens – an “keine oder zu wenig Zeit haben” oder auch an “verlorene oder gestohlene Zeit”. Dass uns aber Zeit vor allem und in erster Linie gewährt ist, dass wir sie weder geschaffen haben, noch ohne weiteres verlängern können, das kommt uns gewöhnlich erst in ruhigen Stunden in den Blick, die uns genügend Zeit lassen, über vermeintliche Selbstverständlichkeiten unseres Lebens und Arbeitens nachzudenken.
Zum verantworteten und verantwortbaren Umgang mit der Zeit gehört es als eine wichtige Voraussetzung, sich in bestimmten Abständen die Zeit zu nehmen, um über den eigenen Umgang mit der Zeit in Ruhe nachzudenken.
In einer solchen Stunde der Muße kann mir dann auch aufgehen, dass Zeit zunächst und vor allem gewährte Zeit ist. Weder das Leben habe ich mir selber gegeben, noch die mir zugemessene Lebenszeit. Beides wird mir umsonst gewährt. Zum verantwortlichen Umgang mit der Zeit gehört es daher, dafür dem zu danken, der mir mit meinem Leben auch meine Zeit geschenkt hat.
Dass Zeit mir gewährt ist – allerdings stets als begrenzte Zeit – , macht sie zugleich auch kostbar. Nicht so sehr in dem allzu naheliegenden Sinne, dass in ihr unter Umständen eine Menge Geld verdienen kann – das auch, sondern in dem Sinne, dass ich in der mir gewährten Zeit mich entfalten kann mit all jenen Talenten, die mir ebenfalls geschenkt sind.
Zeit für mich zu haben, ist ein Geschenk. Zeit für andere zu haben, ist ein Zeichen der Liebe. Ich darf in diesem Zusammenhang auf das Beispiel Jesu verweisen: Man hat bei ihm den Eindruck, dass er keine eigene Zeit hatte. Ständig beanspruchten ihn die Nöte anderer Menschen. Manchmal kam er deshalb nicht einmal zum Essen. Und häufig zieht er sich in der Nacht in die Einsamkeit oder auf einen Berg zurück, um zu beten. Andererseits aber wird nirgends berichtet, dass er sich in all dieser Beanspruchung bedrängt fühlt, was bei uns zuweilen sehr wohl der Fall ist. Er ist zwar in seiner Zeit völlig in Anspruch genommen, wird aber nicht ungeduldig; nirgends wird er als geschäftig oder umtriebig oder ungeduldig beschrieben. Bei seinem Besuch im Hause von Maria und Marta lobt er nicht die geschäftige Hausfrau Marta, sondern die ruhige Maria, die sich Zeit nimmt, ihm aufmerksam zuzuhören. Jesus hörte den Menschen sehr genau zu. Er ließ ihre Nöte an sich herankommen und wusste deshalb auch, wie es um sie stand und wo zu helfen war. Wir dürfen getrost sagen: Zeit zu haben, ist ein Gütezeichen des Umgangs Jesu mit den Menschen und ist darin Zeichen seiner Liebe zu ihnen. Für Christen hat dieser Umgang Jesu mit der Zeit Vorbildcharakter, denn schließlich sollen wir in unserem Tun an ihm Maß nehmen.
Liebe Schwestern und Brüder, im Laufe der 60 Jahre unserer Gilde haben viele dadurch die Zusammenkünfte und damit auch den Fortbestand unserer Gruppe ermöglicht, dass sie sich Zeit genommen haben. Sie haben sich die Zeit genommen – im Maße des ihnen Möglichen – zu einander zu zu hören, miteinander zu sprechen und zu feiern und zu beten. Zeit, die sie so einander geschenkt haben, ist keine verlorene Zeit. Hätten sie sich nicht diese Zeit genommen, es gäbe uns heute als diese Gilde wahrscheinlich gar nicht mehr. Das ist ein Grund zu danken, nicht nur denen, die vor uns diese Gilde geprägt haben, sondern allen – uns allen – und vor allem dem Herrgott, der unser aller Zeit in seinen Händen hält. Und das ist wirklich gut so. Amen

Josef Schuster SJ