„REALITY – CHECK“

– oder wie (richtige) Lehrsätze dennoch an Wirklichkeitsrelevanz verlieren

Im Mai 2015 haben sich die Iren in einem Referendum überraschend eindeutig mit fast zwei Drittel der Stimmen für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe ausgesprochen. Durch ihre Bischöfe hatte sich die katholische Kirche zuvor klar gegen diese Entscheidung ausgesprochen. Angesichts der in diesem Votum zum Ausdruck gekommenen „sozialen Revolution“ hat Diarmuid Martin, der Erzbischof von Dublin, für seine Kirche einen „Reality-Check“ angemahnt. Die Frage müsse beantwortet werden, wie weit die Kirche von den jungen Menschen entfernt sei. Es müsse eine für die Jugend verstehbare Sprache gefunden werden.

Nach den bei uns veröffentlichten Umfragen zur Vorbereitung der vatikanischen Bischofskonferenz 2014 zu Fragen von Ehe und Familie ist nicht daran zu zweifeln, dass zwischen der Lehre und der gelebten Wirklichkeit „Welten liegen“. Es liegt daher nahe, das irische Votum (nur) als befreiende Reaktion auf die als realitätsfremd, ja sogar als menschenunfreundlich empfundene Sexualmoral der Kirche zu deuten. Nicht nur im Falle Irlands wird diese negative Haltung noch verstärkt durch die in der Vergangenheit offen zu Tage getretenen Missbrauchsfälle und ihre – trotz aller Bemühungen – noch immer als unzureichend empfundenen Aufarbeitung.

Aber diese naheliegende Sicht greift zu kurz. Die weiter um sich greifende Säkularisierung hat dazu geführt, dass die von der Kirche vorgelegten Lehrmeinungen nicht wegen der unverständlichen Sprache und nicht wegen des als falsch eingestuften Wahrheitsgehalts – der wird gar nicht mehr überprüft -, sondern wegen ihrer nachlassenden Relevanz für das Leben des Einzelnen zunehmend ignoriert werden. Man hat sich – mehr oder weniger bewusst – in einer persönlich als angemessen empfundenen Grauzone eingerichtet; die Sprache der Kirche mit ihrem „Schwarz-Weiss-Denken“ wird darin als unangemessen und wenig hilfreich empfunden.

Diese Haltung des Denkens und Handeln in Grauzonen können wir zunehmend auch in einem anderen Bereich feststellen, nämlich bei den bei uns im Moment besonders virulenten Fragen um die Strafbarkeit der Beihilfe zur Selbsttötung. Dabei werden die ethischen Grundfragen zum Suizid unterdrückt und zudem unzulässig mit legitimen Überlegungen zur Angemessenheit der Strafbarkeit in der jeweils konkreten Situation vermengt.

Wenn die Kirche ihrem Verkündungs-Auftrag zum Wohl der Menschen gerecht werden soll, müssen ihre Antworten differenzierter und offener ausfallen. „Niemandem schlägt die Mutter Kirche die Tür ins Gesicht, niemandem.“ (Papst Franziskus).
(jwb)