Einkehrtage der Region Südwest 2014

Barmherzigkeit als Mitte christlichen Lebens
in den Herausforderungen unserer Zeit

1. Benedikt XVI sieht eine Grundgefährdung unserer Zeit in der „Diktatur des Relativismus“. Wir leben „in einem sozialen und kulturellen Umfeld, das die Wahrheit relativiert und ihr gegenüber oft gleichgültig und ablehnend eingestellt ist“ (Caritas in veritate, Nr.2). Als Konsequenz dieser Einstellung ergibt sich: „Ohne Wahrheit, ohne Vertrauen und Liebe gegenüber dem Wahren gibt es kein Gewissen und keine soziale Verantwortung: Das soziale Handeln wird ein Spiel privater Interessen und Logiken der Macht, mit zersetzenden Folgen für die Gesellschaft, um so mehr in einer Gesellschaft auf dem Weg der Globalisierung und in schwierigen Situationen wie der augenblicklichen“ (ebd. Nr.5). – Dieses kritische Urteil darf aber den Einsatz zahlloser Menschen für das Wohl der Mitmenschen und für Gerechtigkeit und Frieden nicht übersehen. „Alle Menschen spüren den inneren Impuls, wahrhaft zu lieben: Liebe und Wahrheit weichen niemals gänzlich von ihnen; denn sie sind die Berufung, die Gott ins Herz und in den Geist eines jeden Menschen gelegt hat“ (ebd. Nr.1).

2. Auf diese tiefe Sehnsucht nach Wahrheit und Liebe antwortet der christliche Glaube. Er verkündet die Liebe als Wahrheit, die Liebe als den tiefsten tragenden Grund der Welt: „Gott ist die Liebe.“ Das Vertrauen in Gottes Liebe ist nicht Ergebnis rationaler Reflexion, sondern beruht auf der Erfahrung des Beschenktseins; es ist „Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott uns entgegengeht“ (Deus Caritas est, Nr.1). „Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt“ (ebd.). Die Person, in der uns zutiefst Gottes Liebe aufleuchtet, ist Jesus Christus. In seiner Hingabe „bis hin zu dem am Kreuz durchbohrten Herzen“ (ebd. Nr.17) geschieht Liebe „in ihrer radikalsten Form“ (ebd. Nr.12).. Aus diesem „Zuerst“ der Liebe Gottes „kann als Antwort auch in uns die Liebe aufkeimen“ (ebd. Nr.17). Zu dieser antwortenden Liebe gehört wesentlich die Nächstenliebe hinzu. Zwischen Gottes- und Nächstenliebe besteht eine „notwendige Wechselwirkung“. „Nur meine Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber. Nur der Dienst am Nächsten öffnet mir die Augen dafür, was Gott für mich tut und wie er mich liebt“ (ebd. Nr.18). „Von der Übung der Liebestätigkeit als gemeinschaftlich geordneter Aktivität kann die Kirche nie dispensiert werden“ (ebd. Nr. 29). „Die Kirche ist Gottes Familie in der Welt. In dieser Familie darf es keine Notleidenden geben“ (ebd. Nr25). Indem so in der Kirche Liebe gelebt wird, gewinnt die Botschaft von Gottes Liebe Glaubwürdigkeit. Der von der „Diktatur des Relativismus“ angefochtene moderne Mensch empfängt einen Zugang zur grundlegenden Wahrheit: „Gott ist die Liebe.“

3. Wie sieht Papst Franziskus die Situation und die Herausforderungen unserer Zeit? In einer seiner ersten Ansprachen (am 23.März 2013) spricht auch er von der Diktatur des Relativismus, der „jeden sein eigener Maßstab sein lässt und so das Zusammenleben unter den Menschen gefährdet“. Er bezeichnet diesen Zustand als „geistliche Armut“. Der Verlust des Vertrauens in eine letzte sich schenkende Liebe zerstört die innere Freude und führt zu einer Leere, die man dann gewaltsam auszufüllen sucht. Es entsteht eine „individualistische Traurigkeit“. In ihr sieht Papst Franziskus die eigentliche Gefährdung unsere heutigen Welt: „Die große Gefahr der Welt von heute mit ihrem vielfältigen und erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische Traurigkeit, die aus einem bequemen, begehrlichen Herzen hervorgeht,… Wenn das innere Leben sich in den eigenen Interessen verschließt, gibt es keinen Raum mehr für die anderen, finden die Armen keinen Einlass mehr, hört man nicht mehr die Stimme Gottes, genießt man nicht mehr die innige Freude über seine Liebe, regt sich nicht die Begeisterung, das Gute zu tun. Auch die Gläubigen laufen nachweislich und fortwährend diese Gefahr…“ (Evangelii gaudium, Nr.2). Auch die in der Seelsorge Tätigen können bei aller Korrektheit in der Lehre einem „praktischen Relativismus“ verfallen, einem Lebensstil, „der dazu führt. sich an wirtschaftliche Sicherheiten oder an Räume der Macht und des menschlichen Ruhms zu klammern, die man sich auf jede beliebige Weise verschafft, anstatt das Leben für die anderen in der Mission hinzugeben“ (ebd. Nr.80).

4. Die erste und wichtigste Antwort, welche die Kirche nach Papst Franziskus auf die individualistische Traurigkeit und relativistische Gleichgültigkeit zu geben hat, ist es, sich von der uneingeschränkten Liebe und Barmherzigkeit Gottes bewegen zu lassen. So wird das Herz mit Freude erfüllt. „Unsere unendliche Traurigkeit kann nur durch eine unendliche Liebe geheilt werden“ (ebd. Nr.265). Diese unendliche Liebe Gottes wird in Jesus Christus offenbar und sie gilt jedem Menschen, in welcher Situation oder Schuldverflochtenheit er sich auch vorfindet: „Ich habe eine dogmatische Sicherheit: Gott ist im Leben jeder Person. Gott ist im Leben jedes Menschen. Auch wenn das Leben eines Menschen eine Katastrophe war, wenn es von Lastern zerstört ist, von Drogen oder anderen Dingen: Gott ist in seinem Leben. Man kann und muss ihn in jedem menschlichen Leben suchen.Auch wenn das Leben einer Person ein Land voller Dornen und Unkraut ist, so ist doch immer ein Platz, auf dem der gute Samen wachsen kann. Man muss auf Gott vertrauen“ (Interview, S.67). Diejenigen, die sich von Jesus Christus ansprechen lassen, „sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von der Einsamkeit“ (Evangelii gaudium, Nr1). Im Hören der frohen Botschaft, in Gebet und Kontemplation, in der Feier der Sakramente dürfen wir uns diese Barmherzigkeit Gottes schenken lassen. Dadurch aber werden wir selbst bewegt, barmherzig zu sein und zu den Mitmenschen, zumal zu den Armen, aufzubrechen. Papst Franziskus wird nicht müde, zu solchem Aufbruch aufzurufen (z.B. ebd. Nr.20 – 24; 46 – 49). „Die Kirche muss der Ort uneingeschränkter Barmherzigkeit sein, wo alle sich aufgenommen und geliebt fühlen können, wo sie Verzeihung erfahren und sich ermutigt fühlen können, gemäß dem guten Leben des Evangeliums zu leben“ (ebd. Nr.114). „Die erste Reform (der Kirche) muss die der Einstellung sein. Die Diener der Kirche müssen in der Lage sein, die Herzen der Menschen zu erwärmen, in der Nacht mit ihnen zu gehen…“ (Interview, S. 48). „Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation; sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben“ (Evangelii gaudium, Nr.47) – Muss aber eine solche Haltung der Öffnung, des Aufbruchs nicht zur Auflösung vorgegebener Strukturen und schließlich zum Zerfall führen? Wird nicht dadurch gerade der Relativismus gefördert? Dies würde gelten, wenn man ein weiteres Grundanliegen von Papst Franziskus übersieht, nämlich die Unterscheidung der Geister.

5. Wie finden wir in unserer unübersichtlichen Welt den Weg, welcher der barmherzigen Liebe Gottes entspricht? Wie antworten wir in der Kirche etwa auf die Spannung, die zwischen vorgegebenen allgemeinen Normen und der konkreten Notsituation eines Menschen bestehen kann? Für Papst Franziskus ist die Unterscheidung der Geister von grundlegender Bedeutung. Dabei ist er als Jesuit natürlich von der ignatianischen Spiritualität inspiriert. Es gilt, „mit einem großen und für Gott und für die anderen offenen Herzen“ (Interview. S.32) die spannungsreiche Realität mit ihren Bewegungen wahrzunehmen, ohne sich von vornherein auf eine Alternative festzulegen. Das Suchen des Weges geschieht im Blick auf Jesus. „Die Unterscheidung erfolgt immer in der Gegenwart des Herrn, indem wir auf die Zeichen achten, die Dinge, die geschehen, hören, und mit den Menschen, besonders mit den Armen, fühlen“ (ebd. S.33). Unterscheidung ist kein individualistischer Vorgang, sondern geschieht in innerer Verbundenheit mit dem Volk Gottes, in der Haltung des Hörens, des Dialogs. „Alleingänge“ sind zu vermeiden (Evangelii gaudium, Nr.33). Die Vorgaben der Kirche sind wertzuschätzen, – wissend, dass auch die Kirche selbst auf dem Weg ist und auch der Erneuerung bedarf. Auch Normen bedürfen gegebenenfalls der Revision. Tief verwurzelte kirchliche Bräuche „mögen schön sein, leisten jedoch jetzt nicht mehr denselben Dienst im Hinblick auf die Weitergabe des Evangeliums. Haben wir keine Angst, sie zu revidieren!“ (ebd. Nr.43; vgl. Interview, S. 51). Unterscheidung geschieht also in einem Geist nicht der Willkür, sondern der Freiheit, die aus dem Vertrauen in Gottes barmherzige Liebe entspringt. In diesem Vertrauen gilt es, Lösungen abzuwägen und den Schritt zu wählen, der jetzt der Liebe Gottes entspricht. „Ein kleiner Schritt inmitten großer menschlicher Begrenzungen kann Gott wohlgefälliger sein als das äußerlich korrekte Leben dessen, der seine Tage verbringt, ohne auf menschliche Schwierigkeiten zu stoßen“ (Evangelii gaudium, Nr.44). Unterscheidung ist also auch ein Vorgang auf dem Weg. „Unterscheidung braucht Zeit. Viele meinen zum Beispiel, dass Veränderungen und Reformen kurzfristig erfolgen können. Ich glaube, dass man immer genügend Zeit braucht, um die Grundlage für eine echte, wirksame Veränderung zu legen. Und dies ist die Zeit der Unterscheidung“ (Interview, S.33).

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Wie unterscheiden sich die Antworten von Papst Benedikt XVI und Papst Franziskus voneinander? Sicher gibt es in Stil und Akzentsetzung Unterschiede. Mit „Besonnenheit und Wagemut“ seien pastorale Konsequenzen in Betracht zu ziehen, schreibt Papst Franziskus (Evangelii gaudium, Nr. 47). Bei Benedikt XVI ist sicherlich die Besonnenheit ausgeprägt, wobei ihm der Mut zu herausfordernden Aussagen keineswegs fehlt. Bei Papst Franziskus tritt der Wagemut stärker hervor, der Mut, auch innerkirchlich strittige Fragen deutlicher anzugehen. In den Grundpositionen aber besteht eine tiefe erfreuliche Übereinstimmung. Die entscheidende Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit ist barmherzige Liebe: von Gott vorbehaltlos geschenkt – in Jesus offenbart und vorgelebt – von uns selbst in der Gemeinschaft des Volkes Gottes dankbar zu empfangen und in liebender Zuwendung zu den Mitmenschen, zumal zu den Notleidenden, zu leben.

Pater Erhard Kunz SJ
(publiziert in den CRM-Mitteilungen Sept. 2014, S. 7ff.)