RELIGION – und die Gesellschaft:

  • Religion als „vinculum societatis“: Wie weit – wenn überhaupt – gilt diese Beschreibung noch?
  • „Eigentore“ in der Argumentation erschweren die Durchschlagskraft in dem gesamtgesellschaftlichen Diskurs

Als unseren ureigensten Auftrag sind wir katholischen Laien aufgerufen, in der Welt ein glaubwürdiges Zeugnis für unseren Glauben abzulegen. Wir müssen uns dabei immer im Klaren sein, dass wir in einem bewusst plural angelegten Umfeld agieren. Diese Pluralität ist aber kein zu behebender Mangel, sondern sie wird im Grundsatz auch von uns auf Dauer mitgetragen. Als Konsequenz müssen wir akzeptieren, dass die von uns vertretenen christlich begründeten Wertevorstellungen von vielen Personen nicht mehr verstanden werden und daher auch nicht leicht mehrheitsfähig sind. Es bedarf immer des legitimen Ringens um die „richtige“, oder zumindest um die „bessere“ Lösung. Insbesondere aktive Politiker sehen sich in diesem Prozess immer wieder vorschnell dem Vorwurf der Unzuverlässigkeit und der Wankelmütigkeit ausgesetzt.

Leider müssen wir konstatieren, dass auf unserer Seite im Übereifer zudem allzuleicht Fehler vorkommen. Übertreibungen in dem dialogischen, grundsätzlichen offenen Diskurs um die Bewusstseinsbildung schwächen die Durchschlagskraft der Argumente: „Die Intoleranz der `moralisch Korrekten´ ist fast wie eine moderne Inquisition, das ist kein Dialog“ – mit diesen Worten wird Abtprimas Notker Wolf in diesen Tagen zitiert. Der Theologe Prof. F.W.Graf beschreibt die Haltung dieser „Eiferer“: „Im Willen zur Unabdingbarkeit sind sie zu Ambiguitätstoleranz und pragmatischer Anerkenntnis der unaufhebbaren Widersprüche endlichen Lebens nicht imstande“ (FAZ 07.08.2014, S. 9). Diese nicht selten kontraproduktiven Verhaltensweisen lassen sich unschwer bei der Diskussion über komplexe Themen aus dem Bereich Lebensschutz bzw. Bio-Ethik feststellen – in letzter Zeit besonders bei Fragen bzgl. der ´Pille danach´und/oder der Sterbehilfe. Zudem wird immer wieder ideologisch argumentiert. „Ideologie ist Ordnung auf Kosten des Weiterdenkens“ hat der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt diese Haltung beschrieben.

Unnötige „Eigentore“ sind ein Hindernis. Die Durchsetzung christlich begründeter Einstellungen wird aber zunehmend und nachhaltiger durch religiös aufgeladene Konflikte erschwert. Die gerade auch die Christen erschreckenden Erfahrungen mit gewalttätiger Religiosität (u.a. Boko Haram, IS) sind ein wesentlicher Grund dafür, dass der früher weitgehend unbestrittene Nutzen der Religion als „vinculum societatis“ nicht mehr ungefragt akzeptiert werden kann. Gerade angesichts der um sich greifenden Hilfs- und Orientierungslosigkeit bleibt im Kampf um die geistigen Werte die religiös motivierte Argumentation dennoch auch in Zukunft hilfreich und notwendig. Die Argumente müssen dazu sorgfältig und verständlich in unser heutiges Verständnis „übersetzt“ werden – ganz im Sinn eines modernen Naturrechts (jwb).

August 2014