STAATSKIRCHENRECHT – und die sich daraus auch ergebenden Verpflichtungen der Kirchen

Es ist bekannt, dass priesterliche/seelsorgerliche Dienste von den Gläubigen immer weniger nachgefragt werden. Andererseits reagieren aber auch Gemeinden auf die kontinuierlich schrumpfende Zahl der Geistlichen mit deutlich reduzierten kirchlichen Angeboten –: Taufen (nur noch einmal in der Woche), Trauerfeiern (bitte den eigenen Geistlichen mitbringen), Versehgänge (wer versteht diesen Ausdruck überhaupt noch?) usw. usw. Dieses vermeintliche „Versagen der Kirchen“ könnte für ohnehin zweifelnde Mitglieder der Kirchen mit ein Grund für die steigenden Austrittszahlen sein.

Wie frei sind die Kirchen bei dem (Nicht-)Angebot ihrer Dienstleistungen? Wie weit darf die – auf eine innerkirchliche Notlage reagierende – Reduzierung gehen? Obwohl bei uns Staat und Kirche grundsätzlich getrennt agieren (mit der Folge der Neutralitätsverpflichtung des Staates), beinhaltet unser Staatskirchenrecht mit seinen darin auch enthaltenen kirchlichen (Steuer)-Privilegien die grundsätzliche Verpflichtung der Kirchen, die ihnen zugewiesenen Tätigkeiten – im Rahmen ihres Zeugnisauftrages – auch tatsächlich anzubieten. Darauf muss der Staat sich verlassen können. Sollten die Kirchen sich zur Aufrechterhaltung einer „Basisversorgung“ der Gläubigen nicht länger in der Lage sehen, kann das langfristig nicht ohne gravierende Auswirkungen auf das uns gewohnte und insgesamt bewährte Verhältnis von Staat und Kirche bleiben. Kirchenferne Kreise würden sich diese „Chancen einer Liberalisierung“ nicht entgehen lassen.

Über den Bereich der einzelnen Gemeinden hinaus gibt es bei uns seit Jahren ein anerkannt gelungenes Beispiel für die Kooperation zwischen Staat und Kirche: Das sind die öffentlichen kirchlichen, bei uns zumeist ökumenisch gestalteten Feiern anlässlich staatlicher Feiertage, aber auch die Trauerfeiern bei dramatischen Verkehrskatastrophen. Von den Kirchen wird in diesen Fällen die Überwindung der Sprachlosigkeit, der Versuch einer Sinndeutung und zumindest die Andeutung einer Hoffnungsperspektive erwartet. Dass das bewusst gewollte Zusammenspiel von Staat und Kirche nicht selbstverständlich ist, zeigt z.B. unser Nachbarland Holland mit seinen nur vom Staat organisierten „national memorial services“ ohne die Teilnahme von Kirchenvertretern.

Angesichts des erkennbaren Bröckelns der persönlichen Bindungen der Gläubigen an ihre Kirchen kommt dem kirchlichen Handeln in der Gesellschaft eine zunehmend wichtige Bedeutung zu – gegen die sichtbaren Tendenzen hin zu einer Entkirchlichung der Gesellschaft.
(jwb)