Über eine gesunde Kultur der Skandalisierung

– was die Kirche aus dem „Fall Limburg“ lernen sollte

Steigende Austrittszahlen und sinkende Spendenbereitschaft. Bistum Limburg: Die Medien berichten fast nur über die offen zutage getretenen negativen Reaktionen auf die aufgedeckten und medial bewusst geschürten bzw. verstärkten Skandale.

Bei dieser Betrachtungsweise wird aber ein positiver Aspekt leicht übersehen: Eine gelungene, eine akzeptierte Skandalisierung setzt immer eine weiter bestehende Grundakzeptanz bestimmter Normen voraus. Diese (vielleicht nur verschüttete) Grundakzeptanz kann und muss positiv genutzt werden. Daher: Wenn die Skandalisierungen (gegen Institutionen wie die katholische Kirche) produktiv und medial korrekt unterstützt verstanden und aufbereitet werden, können sie im Endeffekt sogar zu einer Verstärkung des gewünschten normkonformen Verhaltens führen.

Es gibt schon jetzt zaghafte Anzeichen für die Hoffnung, unsere Kirche werde weniger autoritär und deutlich transparenter und damit insgesamt weniger angreifbar aus dieser zunächst kritischen Situation hervorgehen:

  •  Im Zentrum der erhofften größeren Transparenz stehen vor allem die Fragen der finanziellen Ausstattung der Kirche, z.B. nach Grund, Umfang und Fortdauer staatlicher Kompensationsleistungen.
  • Im Hinblick auf die vielen anstehenden Entscheidungen im deutschen Episkopat wird verstärkt auch nach den Auswahlkriterien für mögliche Kandidaten und den Ablauf der Bischofswahlen gefragt.
  • Wegen der undurchsichtigen Vorgänge rund um den Neubau der Bischofsresidenz in Limburg werden weiterhin (Macht)-Fragen bei der Anwendung (bzw. Aushöhlung) kirchlichen und staatlichen Rechts aufgeworfen.
  • Im Endeffekt steht grundsätzlich unser Verständnis vom Staatskirchenverhältnis auf dem Prüfstand. Ein konkret brisantes Thema ist dabei die Frage nach dem Geltungsbereich des kirchlichen Arbeitsrechts, des umstrittenen „dritten Weges“. Aber auch andere „Privilegien“ der Religionsgemeinschaften werden zunehmend hinterfragt.

Sollte die katholische Kirche im Laufe dieser Prozesse weniger staatsabhängig werden – z. B. durch eine stärkere finanzielle Entflechtung -, könnte die Mahnung Benedikts XVI. zu mehr Entweltlichung unerwartet neuen Schub gewinnen.

Bei der Beantwortung und Klärung dieser Fragen dürfen wir die Amtskirche nicht allein lassen. Wir katholischen Laien sind in unserem eigenen Auftrag gefordert. Wo bleibt unser Beitrag, unser bürgerschaftliches Engagement in dem notwendigen gesamtgesellschaftlichen Diskurs? (jwb)

März 2014