WERTE:
PLURALISMUS: bedauerlicher Verlust oder notwendiger Wandel?

Wenn wir uns in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einbringen, um Akzeptanz bzw. Unterstützung für unsere moralischen Wertvorstellungen zu generieren bzw. zu festigen, gehen wir wie selbstverständlich davon aus, dass diese Vorstellungen im Grundsatz noch verstanden, wenn auch nicht mehr von allen akzeptiert werden. Diese Grundannahme lässt sich nicht länger aufrecht erhalten. Die erkennbare Orientierungslosigkeit beruht auch darauf, dass die Veränderungsprozesse (Differenzierung, Individualisierung, Pluralisierung) unterschiedlich verlaufen: nicht immer gegeneinander, nicht unbedingt nacheinander, sondern in verschiedenen Bereichen sogar gleichzeitig.

Die These, der Verlust des Religiösen sei die (denk-)notwendige Folge der Moderne bzw. des Säkularisierungsprozesses, ist nicht länger haltbar. Die insbesondere für manche Europäer unverständliche, weil gegenläufige Entwicklung in den USA ist ein Beleg. Dennoch wird deutlich, dass eine von allen akzeptierte, umfassende Wertordnung nicht mehr besteht – wohl nicht mehr bestehen kann.

Positiv gewendet kann man sagen, dass in einem pluralen Umfeld der Einzelne sich mangels gesellschaftlich akzeptierter Vorgaben intensiver um seine eigene Wertordnung bemühen muss; dieses so gewonnene personale Wertbewusstsein ist dann aber auch tragfähiger als ein nur „von außen“ übergestülptes Wertkorsett (jwb).

Oktober 2013